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Das Vermächtnis des Shalom Shepher - Roman

Das Vermächtnis des Shalom Shepher - Roman

Titel: Das Vermächtnis des Shalom Shepher - Roman
Autoren: Tamar Yellin
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Erstes Kapitel
     
    In der Woche nach seiner Bar-Mizwa, im Frühjahr 1853, trat mein Urgroßvater, Shalom Shepher aus Skidel, in den Stand der Ehe. Er zog zu seinem Schwiegervater, dem Rabbi von Bielsk.
    In jenen Tagen studierte er viel und aß viel. Achtzehn Stunden verbrachte er mit den heiligen Büchern, eine Stunde ging er spazieren, und vier Stunden schlief er. So blieb ihm eine volle Stunde zum Essen, und in dieser Zeit kann man eine Menge zu sich nehmen.
    Im ehelichen Schlafzimmer standen eine Kommode, ein Stuhl und ein Bett. Shalom Shepher unterwies seine Frau in den Gepflogenheiten der Ehe. Nachts schlich sie sich hinaus und schlief bei ihren Schwestern.
    Shalom Shepher sagte zum Rabbi von Bielsk: »Wenn du mich mit einem Kind verheiratet hast, das seinen Gatten vernachlässigt und lieber bei seinen Schwestern schläft, gebe ich ihr die Scheidung und heirate lieber eine Frau.«
    Da verbot der Rabbiner seiner Tochter, bei ihren Schwestern zu schlafen.
    Shalom Shepher aß viel und studierte viel. Er las die Kommentare und die Kommentare zu den Kommentaren. Er las den Talmud, sowohl Mishnah als auch Gemara, und vor allem las er die Torah, bis er, hätte jemand das Sakrileg begangen, eine Nadel durch die Seiten des heiligen Buchs zu stechen, jedes Wort hätte nennen können, durch das die Nadel ging.

    Zwei Sprüche der Weisen standen ihm in die Seele geschrieben. Der eine lautete:
    Es obliegt dir nicht, selbst das Werk zu vollenden, aber du hast auch nicht die Freiheit, dich ihm zu entziehen.
    Er liebte diesen paradoxen Sinnspruch, der einen auf ewig einlädt, sich schuldig und unzulänglich zu fühlen.
    Der andere lautete:
    Sage nicht, »wenn ich Muße habe,
werde ich lernen«;
du möchtest dann nie Muße haben.
    In Bielsk brachte er die Fähigkeiten zur Vollendung, auf die er bereits in Skidel überaus großen Wert gelegt hatte. Er lernte Haare spalten und Erbsen zählen. Er lernte filibustern und abschweifen, nur um einen Disput richtig auszukosten. Er übte sich in der Kunst des Pilpul, des gelehrten Tauziehens, das die Rabbiner so liebten. Und er kultivierte sein Talent, sofort jeden denkbaren Standpunkt einzunehmen, damit eine Debatte möglichst nicht zum Schluss kam.
    Er hatte die Angewohnheit, sich beim Sprechen eine seiner Schläfenlocken um den Finger zu drehen, was den übrigen Beteiligten seine ungeheure Jugend ins Gedächtnis rief und seine Gegner unsagbar irritierte. Seine Gelehrtheit und sein gutes Aussehen wurden gerühmt; Letzteres war im Nachhinein allerdings ein wenig ausgeschmückt worden. Shalom Shepher hatte nämlich kurze Beine und einen breiten Brustkorb, und er neigte, wie viele Mitglieder meiner Familie, in späteren Jahren zu Flatulenzen und hohem Blutdruck.
Aber er hatte einen üppigen rotgoldenen Haarschopf, der angeblich auf eine Verwandtschaft mit König David und auf Edelmut schließen ließ.
    Dem Rabbi von Bielsk machte er das Leben schwer. Im Alter von sechzehn Jahren war Shepher der größere Gelehrte. Außerdem besaß er einen feineren Sinn für Humor, was für das Verständnis der Schriften der Weisen unerlässlich ist. Wenn der Rabbiner etwas für koscher erklärte, widersprach Shepher ihm; gab der Rabbiner dann, über seinen brillanten Schützling verzweifelt, nach, so grub Shepher einen anderen Präzedenzfall aus und erklärte es wieder für koscher. Man könnte sagen, er steckte den Rabbi von Bielsk in die Tasche.
    Noch vor Vollendung seines achtzehnten Lebensjahrs hatte er sich als Korrektor von Schriftrollen etabliert. Von dieser Zeit an stieg aufgrund seiner Sorgfalt die Anzahl der Pergamente, die in der Genisa der örtlichen Synagoge aufbewahrt wurden, weil sie wegen ihrer Fehlerhaftigkeit nicht mehr benutzt, aber, da sie den Namen Gottes enthielten, auch nicht vernichtet werden konnten. Sie blieben dort, bis sie begraben wurden oder zu Staub zerfielen oder, wie es manchmal geschah, bei einem Brand in Flammen aufgingen.
    In der Genisa auf dem Dachboden der Synagoge von Bielsk zu sitzen war ihm eine besondere Freude. Durch eine fünfsprossige Leiter vom Rest der Welt getrennt, studierte er die Schriften und Dokumente, die dort gelagert wurden, wenn sie für den weiteren Gebrauch zu zerschlissen waren. Obwohl er erst achtzehn Jahre alt war, nannte der Synagogendiener ihn Reb Shalom. Mein Urgroßvater ließ sich diesen respektvollen Titel gern gefallen. Er war der größte Korrektor von Schriftrollen in Litauen.

Zweites Kapitel
     
    Im Alter von achtzehn Jahren wurde

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