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Das Vermächtnis des Shalom Shepher - Roman

Das Vermächtnis des Shalom Shepher - Roman

Titel: Das Vermächtnis des Shalom Shepher - Roman
Autoren: Tamar Yellin
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des Lehrhauses, und murmelte schnell den Segen, wenn er sich den Mund verbrannte. Wenn er einen Trauerzug sah, schloss er sich ihm an. Manchmal stand er auch an der schmalen Gasse, die von der Chabad-Straße ins Armenische Viertel führt und die der unangenehmste Anstieg in Jerusalem sein soll, da die gemarterten Leichen von Hannah und ihren sieben Söhnen unter dem Hügel liegen. Er hielt die Passanten an und bestand darauf, ihnen ihr Bündel hinaufzutragen, sehr zur Freude der einen und zur tiefen Beschämung der anderen.
    Die Stadt Jerusalem schlief auf der Asche ihrer siebzehn Zerstörungen. Häuser wurden auf Häusern gebaut. Ruinen kippelten auf einem Fundament aus Ruinen. Manchmal gab es Erdbeben, und die hinfälligen Gebäude brachen ein wie alte Bienenwaben. Es gab merkwürdige Vorkommnisse: Sternschnuppen, gelben Schlammregen. Alljährlich wurden am Jahrestag der Zerstörung des Tempels die Lichter auf dem Tempelberg gelöscht, und aus der Klagemauer rannen Tränen.
    Jerusalem war eine Stadt der Brunnen. Eine Zeit lang wurden die Brunnen Jerusalems nicht abgedeckt, was überall dort gefährlich sein konnte, wo die Brunnenöffnung ebenerdig
lag. Auf dem Churvah-Platz im Herzen des Jüdischen Viertels gab es mehrere solcher Brunnen.
    Einmal verschwand ein Junge aus der Jeschiwa »Baum des Lebens«. Er wurde gesucht und war nach drei Tagen immer noch nicht gefunden.
    Die Ältesten der Jeschiwa versammelten sich und beschlossen, das Los zu ziehen, um den Verbleib des Jungen in Erfahrung zu bringen. Sie fragten das Orakel: Lebt er, oder ist er tot? Die Antwort lautete: Tot. Sie fragten: Wo ist er? Die Antwort: Im Brunnen. Welcher Brunnen? Die Antwort: Auf dem Churvah-Platz.
    Sie suchten in den Brunnen auf dem Churvah-Platz und fanden ihn im dritten Brunnen, mit dem Kopf nach unten, sein Mittagessen noch in der Tasche.
    Fortan wurden die Brunnen auf dem Churvah-Platz abgedeckt, und nur Reb Israel der Gerechte durfte sie täglich aufdecken, um Wasser für die Jeschiwa »Baum des Lebens« zu holen.

Sechstes Kapitel
     
    In der Badewanne schien jemand Beton gemischt zu haben. Mitten im Badezimmer stand ein Zinkeimer wie ein verlassenes Kind: Darin befanden sich anscheinend Unterhosen und ein wissenschaftlicher Versuch mit graublauem Wasserschimmel.
    Ich machte eine Katzenwäsche unter dem rostigen Kaltwasserhahn - Achseln, Gesicht und Hals - und trocknete mich mit einem Handtuch ab, das süß nach zuhause duftete. Als ich aus dem Bad kam, rannte ich beinahe Saul über den Haufen.
    »Oh - uff!«

    Das war unser Morgengruß.
    In der halbverlassenen Küche stand ein uralter Kessel auf dem Primuskocher, und auf dem Tisch lag ein ausgeweideter Laib Brot in einem Haufen Krumen, wo mein Onkel gesessen und Radio gehört und dabei zum Abendbrot mit der Hand große Stücke Brot abgebrochen hatte, anstatt ein Messer zu benutzen. Zwischen den Krümeln lagen einige abgebrannte Streichhölzer, mit denen er erst das Feuer entzündet und später seine Ohren gereinigt hatte.
    Der Kühlschrank war leer und hatte gelbliche Schmutzstreifen.
    Dreißig Jahre zuvor war dies das lebendige Zentrum des Hauses gewesen: ein pulsierendes Herz. Hier wurde gegessen und geplaudert, gekocht und gebacken, hier gab es Schläge, und hier unterhielt man sich. Hier war meine Tante Batsheva auf und ab gegangen und hatte in einem Messing-Mörser Matzemehl gemahlen; hier am Küchentisch hatte meine Großmutter für die Shabbat-Suppe Nudelteig ausgerollt und geschnitten. Wir hungrigen Kinder hatten einst diesen Kühlschrank geplündert, dessen Fächer unter dem Gewicht von Äpfeln und Trauben, Pflaumen und Pfirsichen vom Machane-Jehuda-Markt geächzt hatten und der vollgestopft war mit salzigen, weißen Käseblöcken und Tabletts mit Honigkuchen und Halva und Gestopftem Affen .
    Jetzt war die Küche einfach primitiv: eng, spärlich ausgestattet wie die Messe bei der Armee, mit rostigen Wasserhähnen und dem Primuskocher. Die braunen Fliesen, die irgendwann in den Fünfzigern angebracht worden waren, und die provisorischen Schränke, die ein enthusiastischer Cousin zusammengezimmert hatte, lösten sich von den Wänden; dahinter kamen der nackte Stein und Spinnweben zum Vorschein - verborgene Zeugen einer bescheideneren Vergangenheit.

    Aber das Haus hatte immer etwas Primitives, Höhlenartiges an sich gehabt. Die Steine waren naturbelassen, die Wände nackt. Es hatte immer wie eine vorübergehende Behausung gewirkt. Schon als Kinder hatten wir gewusst, dass

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