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Frederikes Hoellenfahrt

Frederikes Hoellenfahrt

Titel: Frederikes Hoellenfahrt
Autoren: Henner Kotte
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geschrien. Die Wände waren dünn. Personal blickte sich nach ihm um. Ehrlicher misslang das Lächeln, das entschuldigen sollte, was keiner Entschuldigung bedurfte. Er hatte an Krankenbetten gestanden, die wie kleine Labore wirkten. Aber niemals hatte ihm der Patient einer Intensivstation nahegestanden. Er hatte sie stets nur beruflich besucht. Jetzt saß er selber am Bett. Sprachlos. Bewegungslos. Fassungslos. Lass es nicht vorbei sein! Lass sie nicht sterben!
    Ehrlicher glaubte an keinen Gott. Jetzt hätte er an ihn glauben mögen. Er hatte keine Hoffnung. Er schaute auf Frederike und er schaute in den Abgrund.
    »Frederike, du lebst! Komm wieder zurück auf die Welt. Ich bin bei dir. Ich werde nicht gehen. Nie wieder werde ich gehen.«
    Ehrlicher legte seine Hand auf die ihre. Sie war eiskalt. Er versuchte vorsichtig, sie wärmer zu reiben. Frederike zeigte keine Reaktion. Nicht mal die Lider flatterten. Nichts. Nur Lösungen, die aus Beuteln in sie hineinflossen. Nur Leitungen, die Körperfunktionen aufrecht erhielten. War Frederike wirklich am Leben? Oder ließ das ärztliche Ethos sie einfach nicht sterben?
    Ehrlicher wusste nicht, auf welcher Seite er stand. Frederike hatte ihm ihren Willen mehrmals kundgetan: Sie wollte nie ein bewusstloses Leben an Apparaten fristen. Sie sollten abgestellt werden. War es an der Zeit?
    Der Arzt hatte von künstlichem Koma gesprochen, in das man die Patientin legen musste. Auf diese Art wären noch Heilungschancen vorhanden. Der Arzt gab sich betont optimistisch, er habe schon Schlimmeres gesehen, und heute spielte er mit den Gesundeten Fußball. Der Arzt lachte. Ehrlicher hätte ihm eine reinhauen mögen. Wie konnte diese leblose Hülle Frederikes je wieder Mensch werden? Seine Frederike, die hinter der Theke lächelte und ihm das Bier in die Hand schob. Die mit Kain auf seine Kosten scherzte. Die den Laden und ihn zusammenhielt. Ehrlicher begriff, was sie ihm bedeutete, und es erschlug ihn sein schlechtes Gewissen. Wie selten hatte er nette Worte für sie gefunden. Vielleicht ein- oder zweimal hatte er ihr Blumen mitgebracht. Nicht zum Geburtstag, da hatte er immer Pralinen geschenkt. Einfallslos. Frederike hatte trotzdem gelächelt und die freudig Überraschte gespielt. Eine Farce. Ehrlicher fielen all die verpassten Möglichkeiten ein. Biografie war kein Spiel. Er konnte nichts ändern.
    »Frederike, wach auf! Frederike, verlass mich nicht! Ich brauche dich!« Ehrlicher staunte über seine Sätze. Er hatte nie zu seinen Gefühlen für Frederike gestanden.
    »Frederike, werd gesund! Für mich, werd gesund! Ich werde für dich da sein! Ich brauche dich! Verzeih, Frederike! Es ist nicht zu spät. Es darf nicht zu spät sein!« Ehrlicher schien es, als hätten Frederike ihre Finger bewegt. Ihm liefen die Tränen. Er täuschte sich nicht.
    »Frederike! Komm zu mir zurück! Frederike!«
    Bei genauerer Betrachtung lag ihre Hand so wie vorher in seiner. Farblos. Leblos. Kalt. Ohne Regung. Er konnte sich nicht getäuscht haben. Frederike wollte ins Leben zurück, sie wollte zurück zu ihm, Bruno Ehrlicher. Und er hatte es bislang gar nicht verstanden. Sie gehörten zusammen. Sie war seine Frau.
    »Frederike, ich heirate dich! Ich liebe dich, Frederike!«
    Ihre Hand bewegte sich nicht. Es gab kein Anzeichen, dass noch Leben in ihr war. Die Apparate summten. Lampen blinkten. Monitore leuchteten. Der forsche Arzt bat ihn aus dem Zimmer.
    »Bitte, gehen Sie. Ihre Besuchszeit ist zu Ende.«

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