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Das Licht Von Atlantis

Das Licht Von Atlantis

Titel: Das Licht Von Atlantis
Autoren: Marion Zimmer Bradley
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Bewegungen, so schön die tiefdunklen Augen - warum bewegte es sie so? War er vielleicht der Gefangene der Schwarzmäntel gewesen? Sie hatte seine Hände gesehen - oder was von ihnen übriggeblieben war -, hagere, verrenkte Gebilde aus Fleisch und Knochen, die vielleicht früher einmal stark und geschickt gewesen waren. Wer war dieser Mann? Und was war er?
    In dem seltsamen Chaos ihrer Gefühle war seltsamerweise nicht eine Spur von Mitleid. Warum konnte sie ihn nicht bemitleiden, so wie sie andere bemitleidete, die geblendet oder gefoltert und dabei gelähmt worden waren? Wie ein scharfer Stich durchfuhr sie die Frage: Wie kann er es wagen, unerreichbar für mein Mitleid zu sein?
    Es ist sonderbar, aber ich beneide Deoris, dachte sie, ohne eine rationale Erklärung dafür zu haben. Warum nur?
2. VON FERNEN STÜRMEN
    Es kam kein Donner. Nur das unaufhörliche Wetterleuchten eines Sommergewitters drang durch die geöffneten Fensterläden. Drinnen war es schwül. Die beiden Mädchen lagen auf schmalen Matratzen, die sie nebeneinander auf den kühlen Ziegelboden gelegt hatten. Beide waren sie unter ihren dünnen Leinentüchern fast nackt. Ein feiner Netzbaldachin hing unbewegt über ihnen. Kein Lufthauch regte sich. Die Hitze klebte an ihnen wie schwerer warmer Stoff.
    Domaris, die sich schlafend gestellt hatte, drehte sich plötzlich auf die Seite und befreite eine lange Strähne ihres gelösten Haars von Deoris' ausgestrecktem Arm. Sie stützte sich auf einen Ellenbogen. »Du brauchst nicht so leise zu sein, Kind. Ich schlafe auch nicht.«
    Deoris setzte sich hoch und schlang die Arme um ihre mageren Knie. Die dicken Locken klebten ihr an den Schläfen; sie warf sie ungeduldig zurück. »Und wir sind nicht die einzigen, die wach sind«, stellte sie überzeugt fest. »Ich habe allerhand gehört. Stimmen und Schritte und irgendwo ein Singen. Nein - kein Singen, ein Beschwören. Ein furchterregendes Beschwören, weit weg, sehr weit weg.«
    Domaris sah sehr jung aus in ihrem hauchdünnen Nachtgewand. Die unaufhörlichen Blitze konturierten ihre Gestalt in scharf abgegrenztem Schwarz und Weiß. Sie kam sich in dieser Nacht nicht viel älter vor als ihre kleine Schwester. »Ich glaube, ich habe auch etwas gehört.«
    »Ungefähr so.« Deoris summte ganz leise eine Melodie.
    Domaris erschauerte. »Nicht! Deoris - wo hast du diesen schrecklichen beschwörenden Gesang gehört?«
    »Ich weiß es nicht.« Deoris dachte angestrengt nach. »Weit weg. Als käme es von unter der Erde her - oder vom Himmel herab -, nein, ich bin mir nicht einmal sicher, ob ich es tatsächlich gehört oder nur geträumt habe.« Sie fasste einen Zopf ihrer Schwester und begann ihn aufzulösen. »Es blitzt soviel, aber es donnert nicht. Und wenn ich den Gesang höre, scheinen die Blitze heller zu werden -«
    »Deoris, nein! Das ist unmöglich!«
    »Warum?« fragte Deoris furchtlos. »Wenn man in bestimmten Räumen einen bestimmten Ton singt, entsteht Licht. Warum sollte Singen nicht auch ein anderes Licht entzünden?«
    »Weil es blasphemisch, weil es böse ist, auf diese Art mit den Gesetzen der Natur herumzuspielen!« Kälte, beinahe Angst erfasste ihre Seele. »In der Stimme liegt Macht verborgen. Das lernst du später noch, in der Priesterschaft. Du darfst von solchen bösen Kräften nie sprechen!«
    Deoris' flinke Gedanken waren längst ganz woanders: »Arvath ist eifersüchtig, weil ich in deiner Nähe sein darf und er nicht! Domaris!« Ihre Augen funkelten lustig. Sie brach in Lachen aus. »Ist das der Grund, warum du wolltest, dass ich in deinen Räumen schlafe?«
    »Vielleicht.« Ein Hauch von Röte überzog das zarte Gesicht der älteren Schwester.
    »Domaris, liebst du Arvath?«
    Domaris wandte die Augen von dem forschenden Blick ihrer Schwester ab. »Ich bin mit Arvath verlobt«, erklärte sie ernst. »Die Liebe muss noch wachsen, bis wir dafür reif sind. Es ist nicht gut, allzu gierig auf die Geschenke zu sein, die das Leben für einen bereithält.« Sie empfand ihre eigenen Worte als hochtrabend und heuchlerisch. Aber ihr Ton ernüchterte Deoris. Der Gedanke, von ihrer Schwester getrennt zu werden, und sei es durch deren Heirat, erfüllte sie mit einer Eifersucht, die sich zum Teil sogar schon gegen Domaris' zukünftige Kinder richtete... Ihr ganzes Leben lang war sie Domaris' Baby und Liebling gewesen.
    Wie um dies Unglück abzuwenden, flehte Deoris: »Schick mich nie wieder von dir fort!«
    Domaris legte einen Arm um die schmalen

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