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Manhattan Karma: Ein Leonid-McGill-Roman

Manhattan Karma: Ein Leonid-McGill-Roman

Titel: Manhattan Karma: Ein Leonid-McGill-Roman
Autoren: Walter Mosley
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streiten«, sagte sie.
    »Ich streite nicht. Ich frage dich nur, wann du ausziehst.«
    »Dimitri wird bei Andre und mir bleiben, bis er einen Platz im Studentenheim kriegt«, sagte Katrina, die eine Unterhaltung mit einem anderen Leonid in einer anderen Dimension führte. »Shelly und Twill wollen beide bei dir bleiben.«
    »Aber ich habe Bluttests machen lassen«, sagte ich aus meiner abgekoppelten Realität. »Dimitri ist der Einzige, der von mir ist.«
    Katrina fuhr in all ihrer nordischen Schönheit undWildheit vom Tisch hoch, und ihr Stuhl fiel polternd auf den Walnussholzboden.
    »Du Schwein!«, sagte sie und stürmte aus unserer Wohnung.
    Das war auch an einem Mittwoch. Seit einem halben Jahr hatte ich über mein verdorbenes Leben gegrübelt. Dass Katrina mich verließ, berührte mich nicht. Wir liebten uns schon sehr lange nicht mehr. Und wir hatten nie in derselben Welt gelebt.
    Am Montag gab Terry Swain seinen vorzeitigen Ruhestand bekannt.
    Am Freitag überreichte Aura Ullman mir die Kündigung durch Hyman & Schultz.
    Am Sonntag waren Aura und ich ein Paar, und ich hatte entschieden, dass ich versuchen wollte wiedergutzumachen, was ich Falsches getan hatte. Nachts schliefen Aura und ich eng umschlungen. Ich flehte sie an, zu mir zu ziehen, aber sie hatte eine halbwüchsige Tochter und meinte, wir sollten es langsam angehen lassen.
    Acht Monate später brach der Immobilienmarkt ein.
    Andre Zool hatte entscheidend daran mitgewirkt, dass seine Bank vierzehn Prozent aller aktuellen Hypotheken in Arizona aufgekauft hatte – die Frage nach Geheimprovisionen stand im Raum. Nachdem Zool mehr als eine Milliarde Dollar verloren hatte, war er in ein Flugzeug nach Argentinien gestiegen, wohin seine Familie nach dem Zweiten Weltkrieg emigriert war.
    Als ich am nächsten Morgen von der Arbeit nach Hause kam, traf ich im Wohnzimmer Katrina mit unserem mürrischen Sohn Dimitri an.
    »Verzeih mir«, waren ihre einzigen Worte.
    Wenn sie etwas anderes gesagt hätte, irgendwas, hätte ich sie wegschicken können: Ich hätte mit Aura ein neues Leben anfangen können.
    Mein privates Handy, das legale, klingelte. Genauer gesagt knurrte es wie ein Bär, weil ich diesen Ton für eingehende Anrufe mit unterdrückter Rufnummer eingestellt hatte.
    »Mr. McGill?«, sagte der Anrufer. »Hier ist Ambrose Thurman. Ich habe es unter Ihrer Büronummer versucht, aber es hat niemand abgenommen.«
    »Mr. Thurman. Ich wollte Sie gerade anrufen.«
    »Mit guten Nachrichten, hoffe ich«, sagte der schnöselige Schnüffler.
    »Ja, mit sehr guten Nachrichten. Drei der vier Männer, die Sie suchen, konnte ich aufspüren.«
    »Wie lauten ihre richtigen Namen und Adressen?«, fragte er bemüht förmlich.
    »Da wäre noch die Frage der Vergütung.«
    »Welche Frage?«
    »Sie wissen, was ich meine – zuerst brauche ich mein Geld.«
    »Oh, ja, selbstverständlich. Ja – die Vergütung«, sagte er, das Wort bedächtig wiederholend. »Bevor ich Sie bezahlen kann, muss ich erst alle vier Namen haben.«
    »Gut, dann melde ich mich wieder.«
    Mit einem Tastendruck beendete ich das Gespräch und lehnte mich auf dem Stuhl meiner Phantomsekretärin zurück.
    Irgendetwas an Ambrose war sonderbar. Er war einDetektiv aus Albany, der für einen Klienten aus der Gegend arbeitete. Dieser Klient verlangte eindeutige Informationen über alle vier Personen, bevor er bezahlte.
    Ich entschied, dass ich mehr wissen musste, ehe ich dem pedantischen und übertrieben förmlichen Mann übergab, was ich hatte.
    Trotzdem war ich dankbar für seinen Anruf. Trübselig verlorener Liebe, einer lieblosen Beziehung und an-deren Dingen nachzugrübeln war nicht gut. Davon bekam ich meistens Albträume.
    Um den Schwung in Richtung eines gesunderen Geisteszustands nicht zu verlieren, gab ich den Code ein, der das elektronische
     Schloss zu meinem Privatbüro öffnete. Nachdem ich es mir hinter meinem Ebenholzschreibtisch mit Blick auf Lower Manhattan bequem gemacht hatte, loggte ich
     mich auf einem speziell konfigurierten Computer mit der ID [email protected] ein, die mir heimlich Zutritt zur Domain meines Lieblingssohnes verschaffte.
    Etwa einmal pro Woche überflog ich gewohnheitsmäßig Twills Privatmails. Das tat ich, weil Twill bei all seinen überragenden Qualitäten ein geborener Krimineller war. Er fügte anderen Menschen keinen körperlichen Schaden zu, doch er war verdammt versiert im Betreten und Verlassen verschlossener Räume, zog Kids seines Alters mit

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