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Manhattan Karma: Ein Leonid-McGill-Roman

Manhattan Karma: Ein Leonid-McGill-Roman

Titel: Manhattan Karma: Ein Leonid-McGill-Roman
Autoren: Walter Mosley
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1
    »Verzeihung, Mr. ähm ...?«, sagte die dünne Empfangssekretärin.
    Auf ihrem Namensschild stand babyblau auf weißem Grund nur: JULIET.
    Sie hatte kurzes blondes Haar, das vorne länger war als hinten, und trug ein violettes T-Shirt, das, wenn sie aufstand, garantiert einen gepiercten Nabel entblößen würde. Hinter ihr erstreckte sich ein luftiges Großraumbüro mit zehn oder zwölf bunten Plastikschreibtischen, zwischen denen große Grünpflanzen verteilt waren. Die östliche Front zu meiner Rechten war komplett mit raumhohen Fenstern verglast, die nicht zum Öffnen gedacht waren.
    Die versammelten Mitarbeiter von Berg, Lewis & Takayama waren ungeachtet ihres Geschlechts sämtlich jung und hübsch. Alle bis auf eine.
    In der äußersten linken Ecke saß eine pummelige Frau unter einem EXIT-Schild. Sie hatte ungesunde Haut und einen eher praktischen Modegeschmack. Sie hielt den Blick gesenkt und arbeitete hart. Ich identifizierte mich sofort mit ihr.
    Ich stellte mir vor, in dieser Ecke zu sitzen und alle anderen im Raum zu hassen.
    »Mr. Brown ist nicht da?«, fragte ich, ohne auf Juliets Frage nach meinem Namen einzugehen.
    »Er darf nicht gestört werden.«
    »Könnten Sie ihm vielleicht eine Nachricht von mir überbringen?«
    Juliet, die noch nicht einmal gelächelt hatte, als ich hereingekommen war, grinste nun beinahe höhnisch, als wäre ich von der städtischen Müllabfuhr und direkt von meinem Laster ins Weiße Haus spaziert, um eine Audienz beim Präsidenten zu verlangen.
    Ich trug Anzug und Krawatte. Vielleicht war das Leder meiner Schuhe ein wenig matt, aber sie waren kein bisschen angestoßen. Kein Fleck verunzierte mein marineblaues Revers, aber wie die Frau in der Ecke war ich hier offensichtlich vollkommen fehl am Platz: ein Staubsaugervertreter unter hochbezahlten Anwälten, eine einfache Hausfrau inmitten einer Schar von Playboy -Bunnys.
    »In welcher Angelegenheit wollen Sie Mr. Brown sprechen?«, fragte die rotznasige Kleine.
    »Er ist doch Finanzberater, oder?«
    Sie hätte beinahe geantwortet, entschied jedoch, dass es unter ihrer Würde war.
    »Ich bin der Freund eines Freundes eines Freundes von ihm«, sagte ich. »Jumper hat mir gesagt, Roger könnte mir vielleicht ein paar Tipps geben, was ich mit meinem Geld machen soll.«
    Juliet fing an, sich zu langweilen. Sie holte tief Luft und legte beim Ausatmen den Kopf zur Seite.
    Es war nicht meine Hautfarbe, die sie problematisch fand. 2008 hatten die Leute in der Madison Avenue nichts mehr gegen dunkle Haut. Diese Frau hätte mit dem Gedanken spielen können, Obama zu wählen, wenn sie überhaupt wählte. Vielleicht würde sie auch in einem schicken Nachtclub, wo nur importierter Champagner und Kaviar serviert wurden, mit einem Rap-Star flirten.
    Roger Brown war schwarz. Ebenso wie zwei Angestellte in dem luftigen Großraumbüro. Nein, Juliet mochte mich nicht wegen meiner großen schwieligen Hände und wegen meines schmucklosen Anzugs. Sie mochte mich nicht, weil ich fünf Zentimeter kleiner und knapp zwanzig Kilo schwerer war, als ein Mann sein sollte.
    »Wenn ich Ihnen meine Karte hierlasse, sorgen Sie dafür, dass er sie bekommt?«
    Nach einem weiteren Seufzer hielt sie eine Hand hin.
    Meine fette braune Brieftasche war ohne Zweifel älter als die Kleine. Ich klappte sie auf und blätterte durch die falschen Visitenkarten, das typische Kennzeichen meiner Zunft. Ich entschied mich für eine, die ich nicht mehr gezückt hatte, seit eine Frau, die ich kaum kannte, zu meinen Füßen gestorben war.
    ARNOLD DUBOIS
    Van Der Zee Personal
    und häusliche Dienstleistungen
    Ich stützte mich auf ein Knie und nahm einen Stift von ihrer roten Schreibtischplatte.
    »Hallo«, protestierte Juliet.
    Ich kritzelte für Roger (alias B-Brain) Brown auf die Karte. Darunter notierte ich die Nummer eines verlorenen oder vielleicht auch gestohlenen Handys, das ich für genau diesen Job erworben hatte. Dann richtete ich mich wieder auf – locker und ohne zu ächzen, da die meisten meiner überschüssigen Pfunde aus Muskeln bestanden. Ich überreichte ihr die Karte, die sie mit spitzen Fingern entgegennahm.
    »Ist das alles?«, fragte sie.
    Genau in diesem Moment blickte die pummelige Frau in der Ecke auf. Ich grinste und winkte. Sie erwiderte die Geste mit einem leicht verwirrten Lächeln.
    »Vielen Dank für Ihre Mühe«, sagte ich und tat, als würde ich mit der Frau unter dem EXIT-Schild reden. »Das bedeutet mir wirklich viel.«
    Juliet saugte an einem

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