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Manhattan Karma: Ein Leonid-McGill-Roman

Manhattan Karma: Ein Leonid-McGill-Roman

Titel: Manhattan Karma: Ein Leonid-McGill-Roman
Autoren: Walter Mosley
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Kleid , dachte ich.
    Sieben Schlösser und die Tür sprang auf.
    Als wir eintraten, ging automatisch das Licht an. Ein weiterer Auslöser aktivierte drei stumme Digitalkameras, die alle acht Sekunden ein Foto machten. Die Kameras waren von Tiny »Bug« Bate ausnahmsweise persönlich vor Ort installiert worden und somit narrensicher. Ich würde mir die Bilder von Aura später ansehen, wenn sie mit ihren Drohungen am Ende und in ihr Büro zurückgegangen war.
    Ich lehnte mich an den Schreibtisch im Vorraum, Auras strenges Antlitz glänzte über mir.
    »Ich schließe gerade einen Auftrag ab«, sagte ich. »Morgen Abend kann ich bezahlen.«
    Sie erwog meine Worte mit ihren sturmhimmelfarbenen Augen und grinste.
    »Mein wichtigster Auftrag ist es, dich hier rauszuekeln.«
    »Lässt sich da nicht irgendwas machen?«, fragte ich und richtete mich etwas weiter auf.
    Aura war knapp zehn Zentimeter größer als ich, aber es kam mir vor wie dreißig. Sie lächelte höhnisch, legte den Kopf zurück und schüttelte ihn kaum merklich.
    »Ach, komm«, sagte ich. »Nur einen Tag. Du weißt, dass du mich eh nicht rausschmeißen kannst, wenn ich bis morgen zahle. Es wäre nur ein Haufen Papierkram.«
    »Die Besitzer sähen es trotzdem gern.«
    »Ein Tag.«
    »Ein Tag«, sagte sie, »für einen Kuss.«
    Ich fand es erstaunlich, dass etwas so Süßes so weh tun konnte. Wenn ich diese Frau in den Armen hielt,sehnte ich mich nach einem völlig anderen Leben, einem Leben, das ich nie haben würde. Wenn sie ihre Schultern an meine drückte, stöhnte ich ebenso sehr vor Lust wie vor Schmerz.
    Ich löste mich aus ihrer Umarmung und versuchte, mich daran zu erinnern, wie man atmet.
    Sie sah mich triumphierend an.
    »Ich hab gemerkt, dass dir das gefallen hat, Leonid Trotter McGill.«
    Ich schnappte noch immer nach Luft.
    »Du liebst sie nicht«, sagte Aura. »Sie hat dich ein ums andere Mal wie Dreck behandelt. Warum bleibst du bei ihr, wo doch offensichtlich ist, bei wem du sein willst?«
    »Georg und Simon würden dich feuern, wenn sie dahinterkämen, dass wir zusammen sind«, wandte ich lahm ein.
    »Ich kann jederzeit einen anderen Job finden.«
    »Ich bring dir das Geld bis spätestens übermorgen sechs Uhr.«
    »Ich hab dir nur einen Tag gegeben.«
    Ich ging zur Tür, öffnete sie und starrte auf Auras Füße.

4
    Nachdem Aura gegangen war, setzte ich mich auf den Stuhl der Empfangssekretärin und legte die Füße auf ihren grauen Schreibtisch. Ich hatte keine Empfangssekretärin, aber es war wichtig, den Schein zu wahren. Vielleicht würde ich eines Tages Erfolg haben und jemanden brauchen, der die lange Schlange meiner wohlhabenden Klienten begrüßte.
    Als ich so dasaß und aus dem Fenster in Richtung New Jersey blickte, wollte ich nichts mehr, als Aura in meinem Leben zu wissen. Ich wollte, dass sie meine Frau war in einer Welt, in der ich ein aufrechter und anständiger Bürger mit einer Empfangssekretärin war, die nur ehrliche Menschen wie mich zu mir vorließ.
    Diese Fantasien waren stets bittersüß, weil die Gedanken an das, was ich nicht hatte, mich jedes Mal an die Kette um meinen Hals erinnerten – an meine Frau Katrina.
    »Ich verlasse dich, Leonid«, hatte Katrina mir an einem Abend vor elf Monaten erklärt, als wir allein im Esszimmer unserer Wohnung auf der West Side saßen.
    Ich sah sie an und versuchte, die Bedeutung ihrer Worte zu verstehen.
    »Hast du mich gehört?«, fragte sie.
    Einige Monate zuvor war Katrina Mitglied in einem Fitness-Studio geworden und hatte sich einer Operation unterzogen, die ihr von den Falten des mittleren Altersgezeichnetes Gesicht in etwas ziemlich Hübsches verwandelt hatte. Mir war es damals kaum aufgefallen, aber Katrina hatte sich in einem Akt höchster Willenskraft viel von ihrer jugendlichen Schönheit zurückerobert.
    »Ich habe jemanden kennengelernt«, sagte sie, um das Gespräch in Gang zu halten. »Er heißt Andre Zool.«
    »Hm-hm«, brachte ich hervor.
    »Er ist Investmentbanker, und er liebt mich.«
    »Verstehe«, sagte ich, aber Katrina hörte etwas völlig anderes, nämlich eine Beschwerde.
    »Du hast seit einem halben Jahr nicht mehr als zwei Nächte hintereinander in unserem Bett geschlafen«, rechnete sie vor.
    »Ich habe im Büro geschlafen. Ich habe ... ich habe nachgedacht.«
    »Ich brauche einen richtigen Mann in meinem Leben. Keinen Zombie.«
    »Wann ziehst du aus?«, fragte ich und wunderte mich über die Stille in unseren sieben Zimmern.
    »Es hat keinen Sinn zu

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