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Die Sache mit dem Ich

Die Sache mit dem Ich

Titel: Die Sache mit dem Ich
Autoren: Marc Fischer
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der berühmte Autor und Vogelbeobachter. Mit Brille.
    »Herr Franzen, was ist geschehen?«
    Und Franzen erzählt. Er erzählt, wie ihm, gerade, als er bei seinem Londoner Verleger einen Whiskey trank, ein Unbekannter ins Gesicht sprang, ihm die Brille von der Nase riss und mit dieser Brille aus dem Gebäude stürmte, durch einen Zierfischteich und in die Stadt hinein; bis er mithilfe eines Polizeihubschraubers ausfindig gemacht und festgenommen wurde. Eine Stunde später hatte Franzen seine Brille zurück.
    »Das ist im Wesentlichen die Geschichte«, sagt Franzen, gänzlich ungerührt.
    So bleibt nur eine Frage:
    »In dieser einen Stunde ohne Brille, Herr Franzen – was haben Sie da gemacht?«
    »Ich habe an die Vögel gedacht«, sagt Franzen. »An Bachstelzen und Amseln und Bussarde und wie lang es die alle noch geben wird in unserer Welt.«
    Und auf einmal, schlagartig & blitzgenau, ist mir klar, was für eine Art Buch die Frankfurter Buchmesse wäre: ein Biologiebuch mit ganz vielen lustigen Vögeln. Eine Artenstudie wie von Charles Darwin (»Die Abstammung des Menschen«). Es ist ganz großer Stoff, und ich werde ihn aufschreiben. Zusammen mit Bret Easton Ellis.

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Durch die Nacht mit Joseph Roth
    An einem Sommerabend des Jahres 2010, ich fahre gerade mit meiner frisch frisierten Vespa durch Berlin, läuft ein Herr mittleren Alters vor mir über die Straße. Er ist klein und schmal, hat einen Schnurrbart im Gesicht und trägt ein rosa Hemd mit gepunkteter Fliege zum Maßanzug mit eng geschnittenem Bein. Es ist der Schriftsteller/Österreicher/Jude/Katholik Joseph Roth, und nichts Besonderes wäre an der Sache, wäre nicht eben dieser Schriftsteller/Österreicher/Jude/Katholik schon seit über siebzig Jahren tot. Es wundert mich aber auch nicht groß: Manche Menschen sterben nie, dazu habe ich erst vor ein paar Tagen einen Text von Roth gelesen, er hat ihn 1930 für die »Münchner Neueste Nachrichten« geschrieben. Dieser Text, eine Glosse namens »Berliner Vergnügungsindustrie«, beginnt so:
    »Manchmal in einem Anfall heilloser Melancholie trete ich in eines der üblichen Berliner Nachtlokale, nicht etwa, um mich zu erheitern, sondern um die Schadenfreude zu genießen, die mir der Anblick des industriellen Frohsinns bereitet.« Tristesse, Miesepetrigkeit, Ennui – redete Roth wirklich vom weltbekannten Spaß-&-Exzess-Berlin der Endzwanziger/Ganzfrühdreißigerjahre des letzten Jahrhunderts? Hatte er sich eventuell verschrieben oder die Stadt verwechselt mit dem öden Frankfurt oder stumpfen Moskau zu der Zeit? Offenbar nicht, denn im gleichen Ton ging’s weiter. Roth, damals in Berliner Hotels lebend, zog durch die Stadt und beklagte sich über die »unsagbare Eintönigkeit« des Nachtlebens, über den »einheitlichen Typ des Nachtbummlers« mit der »Nonchalance einer Schaufensterpuppe«, über die »infantilen schmalhüftigen« Bardamen, die alle aus »dem gleichen Schönheitsmaterial gemacht« zu sein schienen. Die Vergnügungs- und Freudenkultur industrialisiert, gleichgeschaltet und von Aktiengesellschaften geleitet – und all das drei Jahre, bevor Hitler loslegte!
    Roths Text, ein gigantischer Verriss der Berliner Klub- und Bar-Kultur, ist damit ein Großangriff auf die einzige Eigenschaft der Stadt, die bisher weder von Berlinern noch von Nicht-Berlinern in Zweifel gezogen wurde: Dass es hier ein Nachtleben gäbe, das mit nichts auf der Welt vergleichbar wäre. Arm, aber sexy, weil: Egal was ist, ob Krise, Krieg, Kinderdealer in Neukölln oder Hartz IV , gut trinken kann man in Berlin immer, gibt ja praktisch mehr Kneipen als Supermärkte und Wäschereien. Da Roth, Alkoholiker bis zum bitteren Ende (Delirium tremens Mai 1939 in Paris), aber nicht unter dem Verdacht steht, von Bars und Drinks keine Ahnung zu haben, müssen seine Argumente ernst genommen werden. Wir wollen darum ihn, Roth, durch das Bar- und Klub-Berlin von heute führen, mit ihm ausgehen also, um herauszufinden, ob die Stadt was taugt oder wir uns seit Jahren einer großen Halluzination hingeben. Denn wenn Berlin überhaupt existiert, dann nur nachts, n’est-ce pas?
    Es ist aus diesem Grund, dass ich Roth anhalte und am Jackettärmel zupfe. Erstaunter Blick, etwas rot sind seine Augen, doch ich mag sie sofort.
    »Trinken Sie was mit mir, Herr Roth?«
    »Warum? Kenn’ ich Sie?«
    »Erzählen Sie mir nicht, dass Sie keinen Durst haben.«
    »Zahlen Sie? Ich habe nie Geld, müssen Sie wissen.«
    »Selbstverständlich.«
    »Nun

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