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Die Sache mit dem Ich

Die Sache mit dem Ich

Titel: Die Sache mit dem Ich
Autoren: Marc Fischer
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ohne.
    Mit achtzig, neunzig Sachen fliegen Roth und ich auf der Vespa durch die Stadt. Dann sind wir da.
    Typen mit Kappen und dreckigen, zerrissenen T-Shirts umgeben uns, während wir uns an den Holzbauten und unter den Bäumen entlang zur Bar vorarbeiten; alles stinkt, schwitzt, tropft. Zwei Jungs in Matrosenanzügen prosten uns zu, auf einer Schaukel sitzt eine Meerjungfrau mit großen Pupillen. Ich nehme Roth an die Hand und ziehe ihn durch die Menschen.
    »Wo zur Hölle sind wir – in der Hölle?«, fragt Roth, der von den Tanzenden nach rechts und links geschubst wird, sodass ihm die Fliege verrutscht.
    »Eher ist’s das Fegefeuer. Die Menschen verschwinden, werden aber ein paar Tage später wieder ausgespuckt, wenn sie Glück haben.«
    Endlos langer, melancholischer Blick aus den wunderschönen roten Joseph-Roth-Augen.
    »Wenn’s 1930 auch so gewesen wäre, hätte ich damals vielleicht mehr Spaß gehabt.« Und dann, genau zu Sonnenaufgang, ist er verschwunden.

[Menü]
Reise ins Ich
    Ich habe nichts gegen das Reisen, im Gegenteil: Ein junger Mensch soll sich umsehen in der Welt, damit er seinen Platz findet. Diese Regel habe ich lange befolgt: Ich sah die Bäder von Tokyo und die Giftschlangen von Paraguay, ernährte mich in Mexiko eine Woche lang nur von dem Halluzinationskraut Yage und schaute mir an, wie die Inder in dem Sterbeort Varanasi ihre Toten verbrennen.
    Das Reisen an sich darf nie aufhören, sonst fällt der Mensch in den Stillstand, das Ziel seiner Reisen aber muss sich ändern. Irgendwann ist das Glück nicht mehr draußen in der Welt zu finden, sondern drin im Menschen – dann muss er erkennen, dass das Weglaufen nichts bringt. Er muss in sein Herz schauen und in sich selbst einen Kontinent aufbauen.
    Seit zwei Jahren gehe ich nicht mehr ins Reisebüro, wenn ich weg will, denn ich trage meinen Urlaubsort immer mit mir herum: Es ist meine Seele. Darüber können Sie sich jetzt totlachen, doch ich meine es ernst: Meine Seele ist ein Kontinent, größer als Australien und achtmal so hübsch. Er hat sogar einen Namen: die Fischerwelt. Das ist keine Esoterik, keine Fantasie – diese Welt gibt es tatsächlich, das haben mir schon Frauen bestätigt, die mir vorwarfen, ich würde zu viel Zeit darin verbringen.
    Die Entdeckung war schwierig: Viele Jahre vergingen, bis ich herausfand, dass ich ein Universum im Herzen trage, denn ein Mensch wird nicht von Anfang an mit so einer Welt geboren: Wenn er Glück hat, wächst sie in ihm.
    Einmal entdeckt, ging die Besiedlung schnell voran. Die Erde meines Herzens ist fruchtbar, Palmen und Olivenbäume gedeihen gut, auch Weizen und Wein wachsen überall. Das Meer, das die Fischerwelt umgibt, ist wild: Die Strömungen sind tückisch, aber nicht überall; es gibt auch ein paar Badebuchten.
    Wer die Fischerwelt bereisen will, muss gut vorbereitet sein. Ein Visum ist nötig, es muss von mir unterzeichnet werden, da bin ich penibel. Bevor ein Gast Einlass bekommt, muss er außerdem einen Fragebogen über meinen Staat beantworten: Wann wurde er gegründet? Am 23. April 1970. Wer ist unbedingter Monarch? Meine Herrlichkeit. Und Menschen, die nicht einen Mindestbetrag von 10.000 Fischertalern mitbringen, dürfen nicht rein – Bettelei ertrage ich nicht.
    Meist aber gibt es keine Probleme, wenn die Besucher am Flughafen der Fischerwelt landen, dem Fritz-Fischer-International-Airport, benannt nach meinem Großvater väterlicherseits. Eine DC-10 fliegt zweimal die Woche von Hamburg aus, die Reise dauert drei Monate, mein Staat liegt etwas abseits der gängigen Verkehrsrouten.
    Wer besucht die Fischerwelt? Es sind meist Stammgäste. Der Schriftsteller Ernest Hemingway zum Beispiel besitzt mit seiner ersten Frau Hadley eine kleine Hütte an der Südküste, am Cap du Poisson. Hemingway fühlt sich wohl bei mir, oft bleibt er ein halbes Jahr, denn er mag das milde Klima und die Haifische, die er hier fangen kann. Wenn ich Zeit habe und meine Frau Jane Russell es erlaubt, fahren wir zusammen raus. Manchmal kommt sogar Knut Hamsun mit, weil ihn der Wind an Oslo erinnert.
    Auch der Musiker Leonard Cohen ist ein gern gesehener Gast. Er hat schon viele Lieder geschrieben in der einzigen Bar hier, die von Rita Hayworth und Karen Carpenter geführt wird. Meist sitzt er mit Albert Camus und Richard Nixon am Tresen, trinkt Rotwein und unterhält sich stundenlang über die Moral des Menschen, was Rita auf die Nerven geht: »Ihr redet immer über die gleichen unabänderlichen

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