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Die Sache mit dem Ich

Die Sache mit dem Ich

Titel: Die Sache mit dem Ich
Autoren: Marc Fischer
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Als ich 13 Jahre war, starb meine Mutter. Mein Vater erzählte uns Kindern, sie sei an Herzversagen gestorben, das war gelogen, sie starb an einem Asthma-Anfall. Ich weiß nicht mehr, ob sie Asthma hatte, weil sie so viel rauchte, oder ob sie so viel rauchte, weil sie Asthma hatte.
    Ihre Beerdigung war für mich das Schlimmste an ihrem Tod. Wir fuhren in unserem Mercedes die lange Friedhofsallee hinunter, rechts und links strebten Trauergäste der Kapelle entgegen, wir durften fahren, sie drehten sich um, wenn wir an ihnen vorbeifuhren, und schauten ins Wageninnere. Ich weinte nicht, ich fühlte mich beobachtet, diese Leute schauten auf mich, als wollten sie prüfen, ob ich auch genügend trauere.
    Meine Schwester schaute mich genauso an, schon seitdem ich am Todestag Fußball spielen gegangen war. Der Trauerredner, er war kein Pastor, raunte mir am Grab ins Ohr, bald seid ihr wieder zusammen. Ich verstand ihn nicht, ich weinte nicht.
    Beerdigungen habe ich seither, wenn es ging, vermieden, ich weine auf jeder.
    Auch bei Marcs Trauerfeier wusste ich nicht, ob ich um ihn weine oder um meine Mutter. Aber mir ist ein Satz des Pastors in Erinnerung geblieben: Männer, die Mitte vierzig sind, begehen Selbstmord, indem sie entweder ihr bisheriges Leben umbringen oder gleich sich selbst.
    Mitte vierzig brachte ich mein Leben um, dieses Leben, das sich von einer Story zur nächsten rettete. Jede Story war eine Krücke, die half, den nächsten Tag, die nächste Woche zu erreichen. Wenn die Story nicht funktionierte, wenn sie sich widersetzte, stand ichim 3. Stock auf meinem Balkon und sprang hinunter, setzte mich danach neugeboren wieder an den Schreibtisch. In manchen Nächten sprang ich zehn, elf Mal.
    Mit jeder Geschichte versuchte ich mir näher zu kommen, ich glaube, jeder besessene Reporter versucht das: Im Leben der Menschen, über die man schreibt, Weisheit zu finden, Menschlichkeit, Erkenntnis, Glück, Abenteuer, Trost.
    Marc suchte manisch, mehr in sich, als außer sich. Er fand in sich gute Storys, aber er fand sich nicht.
    Marc hat eine Sammlung von Reportagen hinterlassen, in denen er auf der Suche nach sich selbst ist, alles Ich-Reportagen, die davon leben, dass sie um ihn kreisen. »Die Sache mit dem Ich« ist eine schwierige Sache. »Ich-Reportage« ist schon mal Blödsinn. Jede Reportage – wenn sie eine ist – ist eine Ich-Reportage, sie ist ein bisschen Wirklichkeit, gespiegelt durch ein Temperament.
    Genau genommen, gibt es also die Ich-ich-Reportage, da geht es um den Reporter, der über sich schreibt, beim Stierkampf, im Pool, beim Saufen.
    Dann gibt es die Ich-du-Reportage, in der schreibt der Reporter über den Stierkämpfer, das Bikini-Mädchen, den Barkeeper. Und dann noch die Ich-man-Reportage, da geht es um den Stierkampf, das Baden, den Alkoholismus.
    Wenn man einen Text über Marc Fischer beginnt mit dem Tod der eigenen Mutter, dann kann man daran zeigen, was das »Ich« mit einem Text macht. Der Reporter erzählt von sich, der Leser ist gerührt, beeindruckt, verwirrt, angeekelt.
    Sich selbst zu ergründen und sich dabei zum Helden seiner Storys zu machen, das war Marcs Art zu leben und zu schreiben, viele Texte in diesem Buch sind sogar Ich-ich-ich-Reportagen. Bestimmt hätte er gern darüber geschrieben, wie es ist zu sterben.
    Sich selbst zu entdecken und dabei die Geschichten anderer Helden zu erzählen, auch das konnte Marc: der Kubaner, der einen Straßenkreuzer wasserdicht schweißt und damit nach Floridafährt; der Deutsche, der mit Haien spielt, bis sie ihn beißen; der Mann, der nie schwitzte; der Mann, der Ernest Hemingway war; der Arsch, der Jennifer Lopez gehört.
    Die Sache mit dem Ich hat spätestens seit Tom Wolfe und Hunter S. Thompson den Streit unter Reportern darüber begründet, ob die Ich-Reportage die einzig wahre oder nur die besonders narzisstische Reportage ist. Mir als Leser ist das ziemlich egal, ich will eine gute Story, und Marc als Reporter hat mich nie gelangweilt. Er konnte sich inszenieren, ausschmücken und ausziehen, er konnte sich aber auch – wenn es wichtig war – in einer Reportage unsichtbar machen, ohne sich herauszuhalten.
    Ich war ein Dutzend Mal sein Commandante, so nannte er mich, weil uns Kuba verband; wenn man ihn anrief, um mit ihm eine Reportage zu besprechen, war nach fünf Sätzen klar, dass er sie mochte. Er hat nie einen Auftrag abgelehnt, selbst nicht, als ich ihn Weihnachten 2004 nach Somalia und Kenia schickte, um die letzten Zuckungen

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