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Die Sache mit dem Ich

Die Sache mit dem Ich

Titel: Die Sache mit dem Ich
Autoren: Marc Fischer
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vielleicht nicht erwartet, wieder eine Zeitung zu verteilen wie im November letzten Jahres, als die Yes Men unter großem Applaus eine gefälschte »New York Times« mit nur guten Nachrichten auf dem Titel herausbrachten: »Irak-Krieg: vorbei« stand da; »Bush wegen Hochverrats angeklagt«; und »Ölfirmen ExxonMobil und ChevronTexan verstaatlicht«. Die »New York Post« liefert nun das genaue Gegenteil: keine Träume, sondern Fakten.
    »Und was ist mit den SurvivaBalls?«, fragt Hans.
    »Zuerst die Zeitungen«, antwortet Mike. Und ist dann auchschon wieder weg, nachdem er die Adressen vergeben hat, wo verteilt werden soll.
    Joanne, Laura und ich stürmen das CNBC – Hauptgebäude. Na ja, stürmen – bis in die entscheidenden Etagen lässt uns der Concierge nicht, aber wir kriegen ihn so weit, dass er einen Stapel »Posts« vom Hausboten hochtragen lässt. Die anderen drücken wir jedem Angestellten in die Hand, der das Gebäude in den nächsten Stunden betritt. Sie sind zuerst skeptisch, schließlich ist es die »Post«, schauen dann aber genauer hin und sind überrascht: ein Mistblatt, das sich plötzlich für das Schicksal der Welt interessiert? Was ist da denn geschehen? Und als Stunden später jeder zweite New Yorker mit der neuen »Post« durch Manhattan läuft und sich die Titelzeile ins Stadtbild schreibt, wirkt es, als sei es gar nicht so absurd, würde sich ein Boulevardblatt zur Klima-Woche mal mit wirklich überlebenswichtigen Themen beschäftigen.
    Ein kurzes, schnell geschnittenes Spiel mit der Realität: so vor allem funktioniert die »Identitäts-Korrektur«, die die Yes Men zur Perfektion gebracht haben. So war es auch bei der Dow-Chemical-Aktion. Natürlich dementierte der Konzern eine Stunde später die Nachricht, er würde 12 Milliarden Dollar an die Opfer zahlen. In dieser Stunde aber hatte Bichlbaums Auftritt viel erreicht.
    Er hatte es geschafft, die Welt kurz davon zu überzeugen, ein Konzern wie Dow könne etwas Gutes tun. Er hatte bewiesen, dass dies in der Marktwirtschaft, wie wir sie praktizieren, nicht geht, weil der Markt es sofort mit fallenden Aktienkursen bestraft – in 25 Minuten verlor der Konzern 2 Milliarden US – Dollar. Und Bichlbaum hatte die Welt an Bhopal erinnert und die Wut über die Verantwortungslosigkeit der Firma erneuert. Auch die Geschädigten in Bhopal waren ihm dankbar. Zwar gab es am Ende kein Geld, aber endlich hatte mal wieder jemand an sie gedacht!
    Die Yes Men hatten eine alternative Denk-Möglichkeit geschaffen. Mit dem, was sie tun, weisen sie uns darauf hin, dass die Realität, die uns umgibt, nichts Absolutes ist. Sie muss nicht sein, wie sie ist. Sie ist änderbar, wenn wir handeln.
    »Und? Die ›Post‹ von heute schon gelesen?«, frage ich meinen Tischnachbarn, als ich im Diner schnell einen Bagel mit Cream Cheese esse.
    »Ja, aber heute war sie irgendwie komisch – nur Umweltzeugs drin. Ich wollte echte Nachrichten haben.«
    »Aber was könnte denn echter sein als ein Bericht über die klimazerstörende Wirkung von Braun- und Steinkohlekraftwerken? Manhattan wird untergehen, wenn der Meeresspiegel weiter steigt. Da kann Bruce Willis dann auch nix mehr machen.«
    »Mag sein, dass Sie recht haben. Ich les’ es vielleicht später noch mal. Aber die Sportergebnisse hätten mich trotzdem interessiert.«
    »Die Jets haben gewonnen.«
    »Toll!«
    Es fühlt sich gut an, in einem Diner zu sitzen, nachdem man eine Politaktion mit den Yes Men gemacht hat; die Bagel schmecken dann besser. Dazu macht es irren Spaß.
    Der allein aber genügt den Yes Men mittlerweile nicht mehr.
    Später am Abend erzählt Andy bei einem Bier im »Schneider’s« im East Village davon. Er ist wie immer erschöpft, aber im Großen und Ganzen zufrieden mit der Zeitungs-Aktion. Etwas über hundert Leute hätten teilgenommen, einem der Aktivisten sei es sogar gelungen, vor dem Gebäude der Original-New-York-Post Rupert Murdoch ein Exemplar in die Hand zu drücken. Dafür war der Aktivist kurz vom Sicherheitsdienst festgesetzt worden.
    Das sei so ungefähr das Ziel, meint Andy. So was müsse in Zukunft noch viel öfter passieren.
    »Die augenblickliche politische Situation in Amerika ist so reaktionär, dass man mit lustigen Medienaktionen allein nicht weiterkommt.«
    »Sondern?«
    »Wir wollen, dass die Leute auf die Straße gehen.«

    »Und gegen den Klimawandel demonstrieren? Gegen den Afghanistan-Krieg? Für höhere Löhne?«
    »Viel mehr noch. Sie müssen bereit sein, Risiken

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