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Die Sache mit dem Ich

Die Sache mit dem Ich

Titel: Die Sache mit dem Ich
Autoren: Marc Fischer
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einzugehen. Straßensperren zu errichten, Banken zu belagern, zivilen Widerstand zu leisten, sich einsperren zu lassen.«
    »Glaubst du, dass sie so weit gehen werden?«
    »Sie müssen. Weil sonst alles immer schlimmer wird.«
    Dann redet er von den wahren Zielen der Yes Men: tief gehende gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen. Verstaatlichungen von Banken, Ausweitung des Gesundheitssystems, Kontrolle des Finanzmarkts, strikte Umweltschutzauflagen, mehr Arbeiterrechte. Er zitiert die amerikanische Soziologin Frances Fox Piven, die nachgewiesen hat, dass sich Gesellschaften immer nur dann wesentlich verändern, wenn die Leute so verzweifelt sind, dass sie sich offen gegen den Staat stellen: Roosevelts New Deal, zu dem es nur kam, weil sich Bürgergruppen bildeten, die sich gegen Räumungen und Enteignungen wehrten, die Bürgerrechtsbewegung der Sechziger, die Weigerungen gegen die Vietnam-Einberufungsbefehle.
    »Die Zeit, die wir gerade erleben, unterscheidet sich in nicht viel von diesen Krisen«, sagt Andy. »Und ich glaube, dass Obama sich insgeheim wünscht, dass das Volk aufsteht und sich gegen die Macht der Konzerne erhebt. Ich glaube, dass er uns braucht, um mehr zu erreichen als ein paar gute Slogans.«
    »Ist Obama ein Yes Man, Andy?«
    »Das hoffe ich.«
    Am nächsten Tag, um zehn Uhr morgens, kommt es am Ufer des East River auf Höhe der 23. Straße dann doch noch zum Einsatz der SurvivaBall-Überlebensbälle, die sich die Aktionisten gewünscht hatten.
    Etwa zwanzig von ihnen sind in die grotesken Kostüme geschlüpft, die von den Yes Men als Schutzanzug-Karikatur für gefräßige Manager-Typen entwickelt wurden. Darin könne ein Umweltzerstörerdie Umwelt fröhlich immer weiter zerstören, weil ihm weder Feuer, Sintflut, Erdbeben noch Atomverseuchung gefährlich würden. Allerdings müsse er dann auch rumlaufen wie ein grauer Teletubby.
    Ob die Bälle funktionieren oder nicht, werden die Aktivisten gleich herausfinden, denn ihr Job ist es nun, ins Wasser des East River zu wackeln und zum etwa einen Kilometer entfernten UN – Hauptquartier rüberzuschwimmen, wo die Führer der Länder dieser Welt gerade zum bevorstehenden Klimagipfel von Kopenhagen tagen. Dort sollen sich die SurvivaBalls ein paar Ministerpräsidenten greifen und dazu bringen, endlich ein paar bindende Verträge zu beschließen.
    Gerade, als sie ins Wasser wollen, passiert das, was Andy sich am Vortag gewünscht hat: Drei Boote von der Küstenwache blockieren die Bälle; von der Straße aus erklingen Polizeisirenen, über uns kreist ein Hubschrauber mit Fernschütze. Der einsatzleitende Sergeant erklärt, er habe gerade einen Notruf bekommen, sinngemäß in etwa so, dass sich zwanzig übergroße Zwiebeln ungeklärter Herkunft ins Wasser des East River begeben hätten. Ob Mr. Bichlbaum das irgendwie spezifizieren könne.
    »Wir testen unsere Überlebensbälle für die nahende Umweltkatastrophe«, sagt Andy. Er bleibt ganz ernst dabei, wie damals, als er Jude Finisterra war.
    »Soso. Eine nicht angemeldete Demonstration und Störung also«, sagt der Polizist, lässt sich Andys Ausweis geben und veschwindet kurz im Wagen. Als er zurückkommt, nimmt er Andy fest. Es läge noch ein früherer Haftbefehl gegen ihn vor.
    »Welcher denn?«, fragt Andy.
    »Sie sind mit dem Fahrrad mal quer durch den Washington Square Park gefahren. Das ist verboten, dafür haben Sie einen Strafzettel bekommen, den Sie nie bezahlt haben.«
    Der Yes-Men-Aktivist wird wegen Radfahrens verhaftet – das ist so absurd, dass Andy zum ersten Mal an diesem Tag aus seiner Rolle fällt und lachen muss. Auch dann noch, als die Handschellenzuschnappen: »Okay, Sergeant!« Bevor sie ihn abführen, drückt er mir schnell seinen Fahrradschlüssel in die Hand; daran hängt auch ein USB -Stick mit Foto- und Film-Dateien von dem Polizei-Einsatz, den ihm sein Kameramann zugesteckt hat.
    »Kümmerst du dich darum?«
    Die nächsten 24 Stunden verbringt er in Haft, ein treuer Märtyrer der Bewegung.
    Ich sehe Andy kurz nach, dann nehme ich sein Mountainbike und fahre los, quer durch New York, hin zu Mike, der schon im Büro sitzt und auf den Stick wartet. Der Wind bläst mir ins Gesicht, ich springe über Kantsteine, an Menschen, Hunden, Autos vorbei, schneller, immer schneller. Irgendjemand, den ich fast überfahren hätte, schreit mir was hinterher, aber ich drehe mich nicht um, sondern trete umso stärker in die Pedale.
    Ich muss mich beeilen, ich bin ein Yes Man.

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