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Die Sache mit dem Ich

Die Sache mit dem Ich

Titel: Die Sache mit dem Ich
Autoren: Marc Fischer
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Trompeter Herb Alpert sein); und er bereitete die Aktion vor, die heute losgehen sollte: das große, besondere, lustige, ernsthafte, mysteriöse New-York-Ding eben.
    Viel ist passiert, seit Andy und Mike vor zehn Jahren die Yes Men gründeten. Andys Meinung nach war es vor allem eine Geschichte von Zufällen. Aber das ist es nicht, im Gegenteil. Es ist eine Geschichte von Neuerfindung und Suche, vom lockeren Umgang mit Identitäten und vom Pop, der eher spielerisch Politik wird. Eine sehr amerikanische Geschichte eigentlich.
    Es beginnt schon damit, dass keiner der Namen, weder Bonanno noch Bichlbaum, echt ist, obwohl sie mittlerweile alle so nennen, selbst Freunde. Beides sind Pseudonyme. Bonanno heißt eigentlich Igor Vamos, kommt aus der Videokunst-Szene und lehrt Medienkunst; Bichlbaums wahrer Name ist Jacques Servin. Aber auch der ist ein Konstrukt, den sich Bichlbaums Vater ausgedacht hat, ein belgischer Jude, der über Kanada nach Amerika eingewandert war. Seinen wahren Nachnamen, Swicziwsky, mochte er nicht so.

    Bichlbaum wuchs in Arizona auf, und nachdem er, Thomas-Pynchon-Fan, es eine Zeit lang als Science-Fiction-Autor versucht hatte, wurde er Computerprogrammierer, »weil es der freieste Job ist, den man sich denken kann. Niemand kontrolliert dich, weil niemand weiß, was du tust. Fast macht es Angst, darüber nachzudenken, wie viel Macht ein Programmierer hat.« Bichlbaum, der es nie länger als zwei, drei Monate in einem Job aushielt, nutzte die Freiheit, um in dem Computerspiel »SimCopter« als Belohnung im letzten Level sich küssende halbnackte Bodybuilder einzubauen. Das Spiel war längst ausgeliefert, als die kleine subversive Aktion bemerkt wurde, die auf das stereotype Männerbild in Computerspielen hinweisen sollte; Bichlbaum wurde gefeuert. Ein paar Monate später wurde ihm von Freunden ein Typ vorgestellt, der sich nur bei der Firma Mattel hatte anstellen lassen, um rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft die Sprachcomputer der Figuren Barbie und G . I . Joe zu vertauschen: G.I. Joe sagte nun »Mathe ist so kompliziert!«; Barbie erklärte »Die Rache wird mein sein«, wenn man sie zärtlich drückte. Der Mattel-Mann war Mike Bonanno. Kurze Zeit später hatten die beiden ihre erste Fake-Website errichtet: GATT – Willkommen bei der Welthandelsorganisation! Es dauerte nicht lang, bis die ersten Anfragen kamen. »Wir mussten nur warten, wie beim Angeln«, sagte Andy.
    Es ist Bonanno, der jetzt, kurz nach halb fünf, endlich in einem dunklen Wagen am Columbus Circle vorfährt, um sich um die wartenden Yes Men und Women zu kümmern. Mike trägt einen blauen Anzug, hat wirre Haare und müde Augen, aber trotzdem Top-Laune. Er entschuldigt sich, dass er zu spät ist, öffnet den Kofferraum und wirft zwanzig abgepackte Stapel der »New York Post« auf den Asphalt.
    Alle glotzen. Die »New York Post« ist die BILD – Zeitung von New York, das reaktionärste Boulevardblatt der Stadt. Sie ist des Medientycoons Rupert Murdoch erklärte Lieblings-Daily; der Feind also.

    »Es ist natürlich nicht die echte ›New York Post‹«, sagt Mike und zieht ein paar Exemplare aus dem Stapel.
    WE’RE SCREWED ; boulevardesk übersetzt: WIR SIND AM ARSCH steht in fetten Lettern auf der Titelseite, die der echten »New York Post« auf Typo, Farbe und Layout gleicht. Nur drin sieht es ein wenig anders aus: Statt reißerischer Sex-Crime-Celebrity-Geschichten stehen da von Wissenschaftlern und Fachjournalisten ausrecherchierte Texte zum Klimawandel, zum Schmelzen der Polkappen, zum Ende des Eisbärs, zur Kohleförderung, zum CO 2-Ausstoß, zu alternativen Energiequellen – zur Gesamtsituation des Planeten also. Passend zur Klimawoche, die gerade in der Stadt stattfindet. Fünfzig Grafiker und Autoren haben drei Monate lang, meist umsonst, an der Zeitung gearbeitet. Gesamtkosten der Produktion: 20000 Dollar.
    »Die verteilen wir jetzt zwei Millionen Mal in der Stadt, und zwar zuerst an Journalisten«, sagt Mike. »Ihr müsst irgendwie versuchen, in die Redaktionen der Fernseh- und Radio-Sender reinzukommen, damit die als Erste von der neuen ›Post‹ erfahren. Und die Tageszeitungen natürlich. Den Rest drücken wir jedem Fußgänger in die Hand. Ganz Manhattan muss geflutet werden.«
    Einige Leute wirken kurz etwas enttäuscht. Sie hatten wohl auf die lustigen SurvivaBalls gehofft, eine Art Hüpfball-Anzug mit Ohren, der in den letzten Wochen immer häufiger in den Mails der Yes Men aufgetaucht war. Sie hatten

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