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Die Sache mit dem Ich

Die Sache mit dem Ich

Titel: Die Sache mit dem Ich
Autoren: Marc Fischer
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allem ein Katastrophenberichterstattungssender zu sein.
    Kurz nicke ich ein, dann weckt mich Mareile Höppner mit »Brisant«. Um diese Zeit wirkt sie wie eine Sexbombe. Ich liebe »Brisant«. Könnte viel länger laufen als bloß eine halbe Stunde. Dann müsste ich auch nicht das als »Liebeskomödie« angekündigte Trauerspiel »Schlaflos in Oldenburg« ertragen, das nun kommt. Mit Suzanne von Borsody und Hannes Jaenicke sind zwei Schauspieler dabei, die ihre Rollen (sie: neurotische Enttäuschte; er: verrückter Vogel) routiniert runterspielen, aber kein Dialog überrascht, jede Einstellung ist zu lang. Wer schreibt solche Drehbücher? Ex-Fernsehspielchefin Doris Heinze, die zuletzt auch so viele »Tatort«-Folgen verhunzt hat? Dabei waren gerade Fernsehfilm und Krimi mal die Königsdisziplinen der ARD . Was kostet eine Produktion wie »Schlaflos in Oldenburg«? Wie viele Leute gucken das gerade? Wieso immer Lüneburg und Oldenburg und nicht mal was aus der Großstadt? Und warum gibt’s keine deutschen »Sopranos«, »Mad Men« oder »The Wire«, das Geld wäre doch da? Gerade eben hat die GEZ wieder ihre vierteljährlichen 53,94 Euro abgebucht. Wut macht sich breit, ich rufe bei der ARD in Mainz an.Man stellt mich weiter nach München, eine nette Pressefrau ist am Telefon.
    »Guten Tag, was kostet so eine Bomben-Produktion wie ›Schlaflos in Oldenburg‹«?
    »Oh, solche Zahlen werden eigentlich nicht veröffentlicht.«
    »Wann wird der ›Tatort‹ wieder gut?«
    »Also, ich mag ihn ja.«
    »Welchen denn zum Beispiel?«
    »Den Münchner. Und den Münsteraner mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers.«
    »Wann wird Ulrich Tukur Kommissar? Das gäbe mir Hoffnung.«
    »Wohl erst 2011.«
    »Wie viele Leute schauen jetzt ARD , in diesem Moment?«
    »Gegen Mittag so im Schnitt 1,57 Millionen. Das sind 16,5 Prozent Marktanteil.«
    »Ist das gut?«
    »Das ist ziemlich gut, ja.«
    »Was hat ›Mitten im Leben‹ von RTL ?«
    »Dreizehn Prozent.«
    12 Uhr: »Tagesschau«. Vulkanwolke, Krebsmedikamentenbetrug, Konjunkturaufschwung.
    12 Uhr 15: » ARD – Buffet«. Es gibt Kaninchen, daran ist nichts auszusetzen.
    13 Uhr: »Mittagsmagazin«. Den Moderator Stefan Scheider mag ich. Er ist vernünftig gekämmt und angezogen und moderiert angenehm nüchtern. Er hat was von Christoph Waltz, nur ohne Dunkelheit.
    14 Uhr: »Tagesschau«. Vulkanwolke, Krebsmedikamentenbetrug, Konjunkturaufschwung.
    14 Uhr 10: »Rote Rosen«, Folge 781. Ab und zu wird ein Infoband eingeblendet: Vier tote Bundeswehrsoldaten in Afghanistan.
    Gehe Kaffee kochen und duschen. Als ich zurückkomme, läuft »Sturm der Liebe«, Folge 1052. Das soll ganz gut sein, hab ich malgehört. Die erfolgreichste Telenovela des deutschen Fernsehens insgesamt, mit im Schnitt 25 Prozent Marktanteil. Sie spielt in den Bergen, es liegt Schnee, ein Hotel »Fürstenhof« kommt vor. Ein Mädchen ist schwanger, sie sagt nicht, von wem. Zwei schrecklich dumme Greise finden einen Mops, der natürlich »mopsfidel« ist. Es ist fast noch schlimmer als »Rote Rosen«, weil es irgendwie Anspruch haben will. Dann lieber GZSZ . Wäre ich arbeitslos, würde ich jetzt einen Ein-Euro-Job machen, irgendeinen. Nur keinen beim Fernsehen.
    Krampf im Bein. Hirnflimmern. Erster wirklicher Zusammenbruch. Trinke ein Glas Rotwein (Gran Sasso Primitivo, Puglia, 2007). Rufe bei der ARD – Programmgestaltung an; so geht’s ja nicht. Ein Herr Röver.
    »Herr Röver, ich gucke gerade ›Sturm der Liebe‹.«
    »Wie schön, ich auch.«
    »Warum, um Gottes willen?«
    »Wegen der wunderbaren oberbayrischen Landschaft und der tollen Darsteller.«
    »Warum zeigen Sie so einen Schrott, Sie kriegen doch Gebühren von mir, von uns, vom Volk?«
    »Die Leute sehen das gern. Man muss auch mal einschalten, um abzuschalten.«
    Röver ist ein kluger, angenehmer Mann. Es entsteht ein Gespräch über Information und Unterhaltung, über amerikanische Serien und deutsche. Darüber, dass Menschen sich eher für Geschichten aus ihrem eigenen Kulturkreis interessieren als für US – Serien wie »Dr. House« oder »Sopranos« oder »Mad Men«, und dass man das auch respektieren müsse. Tu ich auch. Von der Notwendigkeit von »Sturm der Liebe« überzeugt mich das trotzdem nicht. Dann könne ich doch Fußball gucken, meint Herr Röver.
    »Aber die besten Spiele haben Sie doch an Sky verloren!«
    »Ja nun, das Leben ist kein Wunschkonzert – auch bei der ARD nicht.«

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