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Die Sache mit dem Ich

Die Sache mit dem Ich

Titel: Die Sache mit dem Ich
Autoren: Marc Fischer
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Akustikgitarre, ein Blinder spielt Keyboard:
    »Es ist nicht deine Schuld,
    dass die Welt ist, wie sie ist,
    es ist nur deine Schuld,
    wenn sie so bleibt.«
    Der Kampf als Traum, der Traum als Kampf. Jugendgruppenpower, Ferienlagerfeeling. Der Rest der Welt ist 3773 Lichtjahre entfernt. Vielleicht funktioniert der Sozialismus vor allem nachts.
    Aber der Reihe nach.
    Ich kam gestern hierher, zum »Pfingstfest der Linken« am Werbellinsee bei Barnim, Brandenburg, eine Autostunde von Berlin entfernt. Es klang nach einer guten Idee: Griechenland-Krise, Inflationsangst, ganz Deutschland enttäuscht von CDU/FDP . In NRW schafft Die Linke über fünf Prozent und setzt sich zu Koalitionsverhandlungen mit der SPD hin. Wird zwar nichts draus, aber trotzdem: Wind of Change. Die Welt ändert sich, das Land ändert sich, Furcht und Unsicherheit herrschen. Da willst du wissen: Was macht Die Linke am Wochenende? Wie feiert, trinkt, tanzt sie? Hier am Werbellinsee trifft sie sich seit Jahren auf einem ehemaligen Jungpionier-Camp. Gesine Lötzsch, frischgewählte neue Bundesvorsitzende, würde auch kommen. Also: Vámonos, Genossen und Genossinnen!
    Unrasierte, aber fröhliche Rothemden begrüßten mich, als ich einfuhr und mich beim »Orga-Büro« meldete, ein großer rot-weißer Heißluftballon stand davor. Um zu sehen, wie spontan die Linken sind, hatte ich weniger als nichts vorbereitet.
    »Tag, ich würd’ gern bei euch mitfeiern!«
    »Schön, hast du ein Zimmer reserviert?«
    »Natürlich nicht.«
    »In Haus 3 ist noch Platz, Einbettzimmer. Macht 80 Euro die drei Nächte, inklusive Essen.«
    »Nehm ich! Und was machen wir dann?«
    »Party mit DJ Ecco Weber!«
    »Wer ist DJ Ecco Weber?«
    »Der Beste. Komm einfach.«
    Ich warf meine Tasche auf die Pritsche und sah mich um: Riesengelände mit Herbergshäusern so groß wie Paläste, überall Bäume, Wiesen, Sträucher. Ein paar Kinder kickten einen Fußball. Am hervorragend ausgestatteten Merchandising-Stand der Linken kaufte ich Die-Linke-Sonnencreme, ein Die-Linke-Feuerzeug, Buttons von Rosa Luxemburg, Che Guevara, Oskar Lafontaine und einen, auf dem »Revolution!« stand. Innerhalb einer Minute war ich Little Fidel Castro. Fleisch- und Biergeruch überall, ich besorgte mir eine Wurst und notierte die ersten Feststellungen:
    1. Die Linke grillt gut.
    2. Die Linke trinkt gut.
    3. Die Linke lächelt dich an, wenn deine Militärjacke mit den alten Helden vollgepinnt ist.
    Durch den Wald kam ich zum Strand, and what a Strand it was! Caspar-David-Friedrich-artig leuchtete der See im Abendlicht. Bis 1989 wurden hier die verdientesten Söhne und Töchter der verdientesten Diener und Dienerinnen der SED zu noch größeren Verdiensten erzogen. Man versteht sofort weshalb, denn schönerals am Werbellinsee kann der Osten kaum sein. Man fragt sich aber auch ein bisschen, warum Die Linke ihr Pfingsten gerade in einer ehemaligen Kaderschule feiert, wo der Ostalgie-Vorwurf doch der erste ist, den sie von der Presse immer vor den Latz geknallt bekommt. Vielleicht würde DJ Ecco Weber weiterhelfen können, Stimmungskanone und Radiomoderator bei Antenne Mecklenburg-Vorpommern, wie ich später erfuhr.
    »He, Ecco – hast du die ›Internationale‹ da? Das würde doch knallen jetzt!«, fragte ich, als er anfing, in der Sporthalle die ersten Hits aufzulegen, zuerst ein Schlager der Ostgruppe »electra«, Refrain: »Nie, nie zuvor hab ich dir so sehr vertraut; nie, nie zuvor hab’ ich so auf dich gebaut«.
    »Nee, lass mal.«
    »O. k., dann Gangster-Rap: ›Regulate‹ von Warren G!«
    Daumen hoch von DJ Ecco.
    Andreas Fährmann, Die-Linke-Organisator aus Berlin, konnte beim Mojito etwas mehr zur Ortswahl sagen:
    »Die Linke ist hier, weil’s der Osten ist. Weil hier viel Platz ist. Weil’s Teil unserer Geschichte ist.«
    »Verstehe. Können Sie mir später eventuell einen coolen alten Stasi-Mann vorbeischicken, der mir ein bisschen was von dieser Geschichte erzählt?«
    »Ham’ wir grad nicht da.«
    »Glaub’ ich nicht.«
    »Doch. Schauen Sie sich um: sind vor allem jüngere Menschen hier.«
    Stimmte nur so halb, es sei denn, mit den »Jüngeren« meinte Fährmann die Kleinkinder, die um uns herumsprangen. Ansonsten lag der Schnitt der Leute hier bei Mitte/Ende fünfzig.
    Es sind Menschen wie die Renterin Lotti, zu DDR – Zeiten Arbeiterin in einer Glühbirnenfabrik, die erst vor Kurzem wieder in die Gegend gezogen ist und der der Staat wegen der angeblich niedrigeren Lebenskosten im Osten

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