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Die Sache mit dem Ich

Die Sache mit dem Ich

Titel: Die Sache mit dem Ich
Autoren: Marc Fischer
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Kilo Silbermetall an den Handgelenken, an einem Finger eine Kralle. Es war der Berliner Modemacher Harald Glööckler.
    »Herr Glööckler, Sie hier?«
    »Ich habe doch gerade meine Autobiografie geschrieben! Darin erzähle ich, wie ich aufwuchs, meine Mutter verlor und mir schwor, aus jeder Frau, auch der allerärmsten, eine Prinzessin zu machen.«
    Guter Märchenstoff, darum machte ich’s wie die Bücherdiebe vor mir und steckte eins von Glööcklers Büchern ein, es war ganz leicht. Auf dem Cover sieht Glööckler aus wie Bill von Tokio Hotel, nur etwas älter und gedoppelt.
    Weiter über die Messe wanderte ich: Im »Forum Hörbuch & Literatur« krönte Eckart von Hirschhausen den »kuriosesten Buchtitel des Jahres« (»Zehn Tipps, das Morden zu beenden und den Abwasch zu beginnen«, von Hallgrímur Helgason, der aber nicht kam,um den Preis entgegenzunehmen, und so absurd ist der Titel nun auch wieder nicht); Buchtitel, die mir auffielen, waren »Spitzenkekse« und »Der Aids-Mythos« (»Wie, Aids gibt’s gar nicht?« – »Doch, aber anders, als Sie sich das vorstellen«, antwortete der Verkäufer); der Verlag mit dem niedlichsten Namen: »Niggli« aus der Schweiz. Immer trockener wurde die Luft; ich kaufte mir ein Eis, zwei Kugeln Erdbeer. Mit der tropfenden Tüte in der Hand landete ich vor einem Stand, der sich »Die Achse des Guten« (www.achgut.de) nannte. Darin saß Henryk M. Broder, Islam- und Israelspezialist vom »Spiegel«.
    »Was ist die Achse des Guten, Herr Broder: Amerika, Israel, Deutschland?«
    »Nein, das ist ein Blog von ein paar Autorenfreunden und mir.« Broder erklärte, es ginge um Meinungstexte, die man in den anderen Blättern sonst so nicht unterbringen könnte. Er erklärte ebenfalls, dass es beim Goethe-Institut recht gute Schnittchen gegeben hätte, die er aber schon alle aufgegessen habe, und dass Oswalt Kolle ihm kurz vor seinem Tod noch verriet, Bischof Mixa sei Vater von drei Kindern!
    Solche schönen Geschichten erfährt man auf der Frankfurter Buchmesse, die manchmal auch eine ganz schöne Klatschmesse ist.
    Mit den Mixa-Kindern im Kopf nahm ich ein Taxi und fuhr zur Rowohlt-Party im Café der Kunsthalle Schirn; dort stehe ich jetzt, mit dem vierten Bier in der Hand. Vor dem Café drängeln sich die Leute und rauchen. Die Künstlerin Jenny Holzer hat den Römerplatz mit einer Lichtinstallation beleuchtet: »Auf dem Rücken tragen sie Krüge ...«, steht da. Der Blogger Sascha Lobo (»Strohfeuer«) ist schon von Weitem an seinem Gockelkamm zu erkennen, gerade diktiert er einer Frau was in den Block. FAZ – Herausgeber Frank Schirrmacher ist da, Siegfried Unselds Sohn Joachim (Frankfurter Verlagsanstalt), Literaturkritiker Ijoma Mangold (»Die Zeit«). Die Modefarben der diesjährigen Buchmesse: Rosa/Lavendel bei den Herrenhemden, Anthrazit und verwaschenes Jeansblau bei so ziemlich allen Frauen. Über Sarrazin redet keiner mehr, obwohl sein Kommen angekündigt ist; viel eher über Helmut Kohl, der am Freitag auf der Messe auftritt. Dazu wird Sarrazin wohl auch gerade von Ronald Rengs »Robert Enke«-Buch von Platz 1 der Bestseller-Liste gestoßen.
    »Welt«-Kulturchef Tittel erscheint, zusammen mit den Autoren Thomas Meinecke (»Jungfrau«) und Rafael Horzon (»Das weiße Buch«), weshalb es sofort wieder um die Eierkopp-Affäre geht. Angeblich hat Schirrmacher einen FAZ-Redakteur nämlich mit einer Gegenglosse gegen Tittel beauftragt, wobei dieser FAZ-Redakteur wohl auch einen Eierkopp hat, wie der Autor Jörg Rohleder (»Lokalhelden«) schnell bildgoogelt. Krieg der Eierköppe!
    Weitere Biere. Die Buchmessengedanken, die langsam in mir reifen, gehen so: Die Messe ist eigentlich nur mit einer guten Frau oder einem sehr lustigen Freund an der Seite zu ertragen. Ansonsten droht man, ein bisschen unterzugehen in all dem Gerede und Schultergeklopfe, und muss darum immer weitertrinken. Hinter einer Ecke sehe ich das erste küssende Paar des Abends; es wird daseinzige bleiben. Sexy wie die Art Basel in Miami früher ist die Messe nicht. Es liegt vor allem daran, dass nirgends Musik zu hören ist.
    »Necesito MÚSICA ! (Ich brauche MUSIK !) schreie ich darum auf Spanisch (aus Respekt vor dem Gastland Argentinien), aber einzig Rafael Horzon versteht mich, weil er gern seinen Kreiseltanz aufführen würde. Wo sind eigentlich die ganzen Argentinier und Argentinierinnen, von denen so oft die Rede war? Die Buchmesse in diesem Moment: eine Tragödie! Einzig die Aussicht, bald den US –

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