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Die Sache mit dem Ich

Die Sache mit dem Ich

Titel: Die Sache mit dem Ich
Autoren: Marc Fischer
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Autor Jonathan Franzen (»Freiheit«) zu treffen, hält mich bei der Stange. Wobei auch das nicht sicher ist: In London wurde Franzen bei seiner Buchpräsentation seine berühmte Brille geklaut – und wie soll er nach Frankfurt finden, wenn er nichts sieht?
    Etwas lustiger wird’s am nächsten Nachmittag: Auf dem blauen ARD – Sofa sitzt der amerikanische Schriftsteller Bret Easton Ellis (»Imperial Bedrooms«). Ellis, bekannt geworden durch den Slasher-Roman »American Psycho«, sitzt durchgenudelt und fast transparent wie eine Figur aus seinen Texten da und spielt die ganze Zeit mit seinem iPhone herum, während ihn der SZ – Redakteur Thomas Steinfeld interviewt.
    »Es geht bei Ihnen immer auch um großen Schmerz, nicht wahr?«, so etwas in der Art sagt Steinfeld.
    Nein, Herr Steinfeld!, schreit es in mir, es geht bei Ellis zuallererst um Leere, um grenzenlose, allumfassende und am Ende eben doch nicht zu betäubende Leere! Als Ellis aufsteht, springe ich in die ARD – Kulisse und ziehe eine Buchattrappe aus dem Attrappenregal. »Hier, Herr Ellis!«, rufe ich und zupfe ihn am Kapuzenpullover. »Ein leeres Buch! Das ist doch im Wesentlichen das, worum’s in Ihrem Werk geht!« Ellis’ Brille sieht mich an; er nimmt die Attrappe und schreibt »Bret Easton Ellis – The empty book, a memoir« darauf. Besser könnte man seine Existenz nicht ausdrücken. Ein großer, magischer Moment, der mich so berauscht, dass ich dasleere Buch auch dem Bestseller-Giganten Ken Follett (»Sturz der Titanen«) vorhalte, dem Silberhaar-Gentleman der gesamten Veranstaltung. Und weil das Buch auch Kerstin Gleba, Cheflektorin bei Kiepenheuer & Witsch, gut gefällt, nimmt sie mich mit in Halle 6, dem einzigen wirklichen Geheimnis der Buchmesse. Reporter sind verboten, denn hier, an kleinen Tischen mit zwei drei Stühlen drum rum, sitzen die Literaturagenten aus der ganzen Welt und entscheiden darüber, was von wem wo rauskommt – oder eben nicht. Rechte werden verhandelt und Manuskripte übergeben, die man – am besten noch über Nacht – durchliest, um am nächsten Tag sein Angebot abzugeben. Es ist praktisch die Börse der Messe, die Buchbörse.
    Sensationsbücher gäb’s in diesem Jahr allerdings nicht, sagt Gleba, die Kiepenheuer & Witsch im letzten Jahr Patti Smiths schönes Memoirenbuch »Just Kids« besorgte. Sagt es etwas aus über dieMesse, dass das höchstgehandelte deutsche Buch angeblich Jakob Augsteins (»Der Freitag«) »Gartenbuch« ist? Wenn ja, dann was? Dass gartenmäßig wieder viel passiert in Deutschland? Dass der Buchmarkt ein Dschungel ist, ein Blumenbeet, ein englischer Rasen?
    Diese Frage wird viel diskutiert auf der Fischer-Verlagsparty, die später stattfindet. Hier und auch auf der Piper-Feier im Klub »Velvet« sind nun endlich alle ganz betrunken. Roger Willemsen (»Die Enden der Welt«), der eine von vielen Damen mit dem Satz »Ich komme gerade aus Medellı´n zurück« begrüßt, der Autor Carl von Siemens (»Kleine Herren«), der lustige Franzose Frédéric Beigbeder (»Ein französischer Roman«), Ingo Niermann (»Deutscher Sohn«), Christoph Koch (»Ich bin dann mal offline«). Bei Denis Scheck (»Druckfrisch«) weiß man’s nicht genau, wie er drauf ist. Auf jeden Fall will er nicht mit der »BamS« reden, obwohl ich ihm immer wieder Ellis’ leeres Buch zeige; dafür bietet er mir einen Job beim Deutschlandradio an.
    »Zahlen Sie denn gut?«
    »Anständig.«
    »Wie viel?«
    Doch da redet er schon wieder weiter, über eine Woche, die er mal mit Philip Roth in Frankreich verbracht hat, der den Nobelpreis wieder nicht bekommen hat. Dafür Mario Vargas Llosa, was eigentlich alle okay finden.
    Ein Krankenwagen kommt, eine Frau wird rausgetragen, das ist das Zeichen, weiterzufahren zu Joachim Unselds Privatvilla, wo irgendwie auch wieder alle sind, so als gäb’s einige Schriftsteller doppelt. Beigbeder zum Beispiel, der vor Unselds »Edition Suhrkamp«-Erstausgaben-Regal »I will survive« singt und seinen langhaarigen deutschen Freund als »hübschere, weil nicht so schrecklich gesichtsoperierte Nicole Kidman« vorstellt (allerdings hat diese Nicole Kidman dafür auch einen Bart); Ex-Titanic-Redakteur Oliver Maria Schmitt im roten Anzug, der gerade noch eine Che-Guevara-Veranstaltung abgehalten hat; KiWi-Chef Helge Malchow. Passen alle gut zu den Raymond-Pettibon-Bildern, die an Unselds Wänden hängen.
    Und so geht’s weiter, bis am nächsten Morgen tatsächlich Jonathan Franzen vor mir sitzt,

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