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Die Mission des Zeichners

Die Mission des Zeichners

Titel: Die Mission des Zeichners
Autoren: Robert Goddard
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1 Spekulanten in der Falle
    Düsteres Wetter für eine düstere Zeit. Die feuchte, klamme Nacht klebte an London wie kalter Schweiß. Obwohl im Kamin ein Feuer brannte, stand Sir Theodore Janssen am entgegengesetzten Ende des Salons vor dem geöffneten Fenster. Mit einem Arm stützte er sich auf den Sims, den anderen hatte er vor die Brust gehoben, die gespreizte Hand quer über seine mit Brokat bestickte Weste gelegt. Er sah auf den Hanover Square hinaus, und in der von Sprühregen verhangenen Dunkelheit schien er den immer schwärzer werdenden Schatten seiner Zukunft zu erkennen.
    Bis vor kurzem war er ein Mann von hohem Ansehen und Wohlstand gewesen. Sir Theodore, auf die »nachdrückliche Empfehlung« des Prince of Wales hin zum Baronet ernannt, Parlamentsabgeordneter, Direktor der Bank of England, Großgrundbesitzer und Finanzier mit beinahe legendärem Geschäftssinn, hätte sich eigentlich darauf freuen können, im Alter allseits geschätzt ein behagliches Leben zu führen. Vom flämischen Auswanderer, der in seiner Jugend ohne Freunde und Mittel ins Land gekommen war, hatte er es zum Pionier einer neuen Epoche des freien Handels gebracht. Doch nun stand er auf einmal am Rande des Ruins, als ein Mann, der sein Werk mit eigener Hand zerstört hatte und dem Ende seiner Tage zu nahe war, um sich noch der trügerischen Hoffnung hinzugeben, er könne einen Verlust wettmachen, der so gut wie unwiderruflich feststand.
    Die South Sea Company war natürlich sein Fehler, so wie sie der Irrtum vieler Männer gewesen war. Wäre er vor zwölf Monaten von seiner Stelle als Direktor zurückgetreten oder - besser noch - hätte er sie gar nicht erst angenommen, dann wäre er jetzt frei von all dem. Natürlich nicht von sämtlichen finanziellen Verlusten. Kein Zweifel, wie jeder andere auch hätte er damit spekuliert, dass die Anteile weiter steigen würden. Aber ihren Verfall hätte er verschmerzen können. Bei der Größe seines Vermögens hätte er kaum etwas davon bemerkt. Doch das hier war von ganz anderer Art. Es war das beschämende und unvermeidliche Eingeständnis seiner Gier und Dummheit. Darüber hinaus würde es einen Preis kosten, den womöglich nicht einmal er würde bezahlen können.
    Noch viel düsterer wurde die Angelegenheit dadurch, dass sich am anderen Ende des Zimmers der Mann am mit reichlich Holz geschürten Feuer die Hände wärmte, der ihn vor zwei Jahren ins Direktorium gelockt hatte: Robert Knight, oberster Kassenführer der Gesellschaft, Verwalter ihrer Konten, Hüter ihrer Geheimnisse. Auch Knight drohte der Ruin, doch er stellte sich ihm mit einem unbekümmerten Lächeln und ohne Sorgenfalten auf der Stirn. Er sah immer noch zehn Jahre jünger aus, als er tatsächlich war, und hatte sich jenes Funkeln in den Augen bewahrt, das nicht dem Kerzenlicht zu verdanken war.
    Sir Theodore wandte sich nun vom Fenster zu ihm um. »Warum sind Sie hier, Mr. Knight?«, fragte er mit rauer Stimme und hüstelte, um seine Kehle frei zu bekommen.
    »Weil ich übermorgen vor den Ausschuss treten muss, Sir Theodore.«
    Bei dem Gremium, von dem Knight sprach, handelte es sich um den vom Unterhaus zur Aufklärung des Skandals um die South Sea Company eingesetzten, geheimen Untersuchungsausschuss. Wie eine Besatzungsmacht hatte er sich im South Sea House festgesetzt, wo er nun schon die ganze Woche tagte, nach Gutdünken jeden, den er verhören wollte, herbeizitierte und Dokumente jeglicher Art beschlagnahmte, die ihm für die Wahrheitsfindung geeignet erschienen. Freilich war die Wahrheit im Wesentlichen längst bekannt. Das Unternehmen South Sea war von Anfang an ein unmöglicher Traum gewesen, aufrechterhalten durch nicht mehr als eine weltweite wilde Entschlossenheit, daran zu glauben. Jetzt war der Winter der grausamen Enttäuschungen, eingefrorenen Kredite und der im Frost geplatzten Vermögen gekommen. Die Fahndung lief, wenn auch nicht so sehr nach der Wahrheit, sondern nach Schuldigen. Jeder war ein Opfer, doch nicht jeder konnte ein Schurke sein.
    »Man wird mir wohl hart zusetzen«, fuhr Knight fort. »Sehen Sie das nicht auch so?«
    Sir Theodore nickte. »Sehr hart. Daran habe ich keinen Zweifel.«
    »Was soll ich ihnen sagen?«
    »Sind Sie gekommen, um bei mir Rat zu suchen?«
    »Ihren Rat - und Ihre Hilfe.«
    Sir Theodore runzelte die Stirn. »Hilfe wobei?«
    »Die Beseitigung-wenn ich es so ausdrücken darf-des Inhalts meines Köfferchens.« Knight hob eine Tasche, die er mitgebracht hatte, vom Boden hoch

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