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Die Auserwaehlte

Die Auserwaehlte

Titel: Die Auserwaehlte
Autoren: Thomas Knip
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Talon Nummer 21

    „Die Auserwählte“

    von
    Thomas Knip

    Menasseb richtete seine dunklen Augen, die in dem schwachen Licht wie zwei glühende Kohlestücke leuchteten, auf den halbnackten Mann vor sich und suchte dessen Blick. Die Zeit verstrich, ohne dass der Priester ein einziges Mal zwinkerte oder eine Schwäche in seiner Mimik erkennen ließ.
    „Merenptah, der lebende Sohn des Ra und des Ramses, schickte im neunten Jahr seiner Regentschaft eine Expedition in die Länder südlich von Nubien“, begann er übergangslos zu erzählen. „Fast dreihundert Soldaten und Priester. Doch sie zogen nicht alleine los. Ihre Familien kamen mit ihnen. Und denen, die keine Frauen hatten, stellte der Pharao Witwen an die Seite. Es war ein unerhörter Plan, aus der Not der wirren Jahre heraus geboren.“ Jetzt senkte der Hohepriester seinen Kopf und stützte sich mit den Handflächen auf der Tischkante auf.
    „Das Ziel war es, eine Kolonie im Rücken der Feinde zu errichten. Eine Kolonie, die sich wenn nötig selbst versorgen konnte. Die sich neue Verbündete suchte und Ägyptens Einfluss damit weit in die Gebiete jenseits der bekannten Welt ausdehnte.“
    Der Mann, der Talon nur knapp über das Kinn reichte, verzog die Lippen zu einem ausdruckslosen Lächeln, was sein breites Gesicht nur noch massiger erscheinen ließ. „Damit die Unternehmung niemandem bekannt werden sollte, mussten sie sich abseits des großen Stroms bewegen“, Talon vermutete, dass der Priester den Nil damit meinte, „und ständig Späher ausschicken, die vermeiden sollten, dass die Gruppe ihren Weg an den bekannten Siedlungen und Handelswegen vorbei wählte und jemandem auffiel.“
    Menasseb strich sich durch das kurz geschorene dunkle Haar. Menasseb löste sich mit einem Ruck vom Tisch und öffnete die Tür zu seinem karg eingerichteten Arbeitsraum. Er bedeutete Talon mit einem Fingerwink, ihm zu folgen und raffte das hellblaue Tuch an seiner rechten Seite. Die beiden Wachen vor der Tür nahmen Haltung an. Der Hohepriester wies sie jedoch mit einer Handbewegung an, an ihrem Platz zu bleiben und setzte seinen Weg durch den nur schwach erhellten schmalen Gang fort. Die Wände waren über die ganze Länge mit Zeichnungen verziert, die eine einzige Geschichte zu erzählen schienen. Talon betrachtete sich die Details im Vorbeigehen mit großem Interesse, ohne dass er den Bildern einen wirklichen Sinn zu entnehmen vermochte.
    „Die Götter waren der Expedition wirklich wohl gesonnen. Sie passierte sowohl die libyschen Vorposten wie die Grenzstädte der Nubier ohne aufzufallen und drang tief nach Süden vor“, setzte der Priester seine Erzählung fort. „Es waren nur kleine Stämme, denen man dort begegnete. Viele von ihnen hatten bis dahin nicht einmal etwas vom ägyptischen Reich gehört. Manche schlossen sich tatsächlich an, sodass die Expedition sich im Laufe von zwei Jahren fast verdreifachte. Es waren gute Jahre. Weder Hunger noch Krankheiten zehrten an den Menschen. Manche der Priester meinten, es wäre an der Zeit, dem Wunsch des Pharao nachzukommen und mit der Gründung der Kolonie zu beginnen. Doch der Hohepriester trieb sie weiter an.“
    Er blickte sich nach Talon um, der nur einen halben Schritt hinter ihm lief. Sie erreichten einen durch eine halbhohe Mauer von der Tempelhalle getrennten Vorraum. In die Wände war ein Vorsprung eingelassen, der mit Kissen bedeckt war. Noch bevor sich Menasseb gesetzt hatte, war aus dem Halbdunkel eines Seiteneingangs ein Diener erschienen, der ungefragt in einen bereit stehenden Becher eine milchige Flüssigkeit einschenkte. Auf einen Wink des Priesters hin wurde auch ein zweiter Becher für Talon gefüllt. Danach verschwand der Bedienstete, der eine deutlich dunklere Hautfarbe als der Priester hatte, wieder in dem Bereich, den Talon in dem ständigen Halbdunkel kaum auszumachen vermochte.
    Nachdem er zusah, wie Menasseb einen kräftigen Schluck aus dem Becher nach, griff auch er nach dem hölzernen Gefäß, das mit einer Kante aus Blattgold verziert war. Er setzte an und verzog unwillkürlich die Lippen. Die Flüssigkeit war lauwarm und schmeckte leicht säuerlich. Sie erinnerte den Mann mit den rotbraunen Haaren an vergorene Ziegenmilch.
    Er bemerkte den abwartenden Blick des Ägypters und setzte sich auf eines der Kissen.
    „Vielleicht wollte der Hohepriester des Amun-Ra ganz sicher gehen und einen Platz weitab der bekannten Länder finden. Vielleicht war es auch eher der Entdeckergeist, der ihn

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