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Die Geburt Europas im Mittelalter

Die Geburt Europas im Mittelalter

Titel: Die Geburt Europas im Mittelalter
Autoren: C.H.Beck
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Einleitung
    Jedes Buch, das die Geschichte, auch die einer sehr fernen Periode der Vergangenheit, behandelt, hat einen Bezug zur Gegenwart. Das vorliegende Buch steht im Zeichen der aktuellen Lage Europas. Ich habe es in den Jahren 2002 und 2003 geschrieben, zwischen der Einführung einer gemeinsamen Währung in einem Teil der europäischen Staaten und der Erweiterung der Europäischen Union um mehrere östliche Staaten Mitteleuropas. Zugleich erscheint es in der Reihe «Europa bauen», die einen Versuch darstellt, durch die Zusammenarbeit von fünf Verlegern unterschiedlicher Sprachen einen gemeinsamen Kulturbereich zu schaffen. Schon der Titel «Europa bauen» drückt den Willen der Verleger und Autoren aus, die historische Wahrheit mit den Augen eines unvoreingenommenen Historikers zu betrachten, um einen Beitrag zur Klärung der Bedingungen für den Aufbau eines gemeinsamen Europa zu leisten.
    Es handelt sich um einen Essay, der nicht für die Gelehrten bestimmt ist und der auch keine fortlaufende Geschichte des europäischen Mittelalters liefert; er bietet keinen Überblick über ihre wichtigsten Aspekte und geht erst recht nicht ins Detail.
    Der vorliegende Text soll anschaulich machen, dass das Mittelalter die Epoche der ersten Entwürfe, der Genese Europas als Realität und als Vorstellung war, dass es die entscheidende Phase der Geburt, der Kindheit und der Jugend Europas darstellt, ohne dass die Menschen jener Jahrhunderte die Idee oder den Willen gehabt hätten, ein einheitliches Europa zu schaffen. Nur Papst Pius II. (Aeneas Silvius Piccolomini, Papst von 1458 bis 1464) hatte eine klare Vorstellung von Europa. Im Jahr 1458 verfasste er das Werk
De Europa
, dem er 1461 ein
De Asia
folgen ließ. Diese Kombination ruft die Bedeutung des Dialogs zwischen Asien und Europa in Erinnerung. Das Mittelalter als Epoche der Geburt Europas kam besonders in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg ins Gespräch,mit der damals aufblühenden Reflexion über Europa und die Entwicklung ökonomischer, kultureller und politischer Projekte in einem europäischen Rahmen. Die anregendsten Werke zum «Europagedanken» stammen von zwei Spezialisten für das 16. Jahrhundert, dem Briten Denis Hay, Verfasser von
Europe: The Emergence of an Idea
(Edinburgh 1968), und dem Italiener Federico Chabod, der in seiner 1961 erschienenen
Storia dell

idea d

Europa
(dt.
Der Europagedanke
) auf Universitätsvorlesungen der Jahre 1943–1944 und 1947–1948 zurückgegriffen hat.
    Aber es waren vor allem zwei große französische Historiker, die mit der Zeitschrift
Annales
eine neue Geschichtsschreibung begründeten und am Vorabend des Zweiten Weltkriegs die These von der mittelalterlichen Geburt Europas vertraten: Marc Bloch, der schrieb: «Europa tauchte auf, als das Römische Reich zusammenbrach», und Lucien Febvre, der diesem Satz hinzufügte: «Sagen wir eher, dass Europa eine Möglichkeit wurde, als das Reich zu zerfallen begann.» In der ersten Vorlesung, die Febvre 1944–1945 am Collège de France hielt, heißt es: «Während des ganzen Mittelalters (ein Mittelalter, das viel weiter in die Neuzeit hineinreichen sollte) hat der mächtige Einfluss des Christentums, das ständig große, vom Boden abgelöste Strömungen christlicher Zivilisation über die ungefestigten Grenzen kaleidoskopischer Königreiche trug, daran mitgewirkt, den Menschen im Abendland ungeachtet aller Trennungslinien ein gemeinsames Bewusstsein zu verleihen, ein Bewusstsein, das, nach und nach säkularisiert, ein europäisches Bewusstsein geworden ist.»[ 1 ]
    Vor allem Marc Bloch hatte eine europäische Vision des Mittelalters. Schon auf dem Internationalen Historikerkongress von 1928 in Oslo hielt er einen Vortrag mit dem Titel «Für eine vergleichende Geschichte der europäischen Gesellschaften», der im Dezember 1928 in der
Revue de synthèse historique
veröffentlicht wurde und ihm als Grundlage diente, als er sich 1934 mit seinem «Entwurf für einen Lehrstuhl für vergleichende Geschichte der europäischen Gesellschaften» am Collège de France bewarb. In diesem Text schreibt er: «Die europäische Welt als solche ist eine Schöpfung des Mittelalters, an der fast gleichzeitig die zumindest relative Einheit der Mittelmeerkulturzerbrach und die alles verschmelzen ließ, die einst romanisierten Völker im bunten Gemisch mit denen, die Rom nie erobert hatte. So wurde Europa im menschlichen Sinne des Wortes geboren […] Und die so definierte

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