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Zeig mir den Tod

Zeig mir den Tod

Titel: Zeig mir den Tod
Autoren: Petra Busch
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Später
    Jetzt, da alles vorbei ist und ein weiterer Mensch unter der schweren Erde liegt, weiß ich, dass ich von Beginn an hätte anders handeln sollen. Vielleicht hätten die Dämonen mich aus ihren Fängen entlassen, meine Seele freigegeben und die Seelen der anderen.
    Ich lehne an dem Stamm, wende das Gesicht dem Himmel zu. Blicke in die nackte Baumkrone, aus der erste zarte Blätter sprießen. Die nachtfeuchte Rinde drückt gegen meinen Rücken, und der Stoff des Hemdes klebt klamm auf meiner Haut. Ich kann nur stoßweise atmen, aber ich rieche die frisch gepflügte Erde, die Algen und das Motoröl. Ich sollte frieren. Doch ich empfinde nichts. Nicht körperlich. Nur mein Inneres ist kalt und finster.
    Gestern Abend bin ich hierhergekommen. Habe alles vorbereitet und mich dann auf den Boden gesetzt, hier, neben die hohe Birke, um auf den Morgen zu warten.
    Ich bin zurück an dem Ort, an dem ich angefangen habe.
    Die Polizei hat ihn zerstört. Nichts ist mehr, wie es einmal war.
    Ein Schwarm Vögel taucht an dem fast noch schwarzen Horizont auf, zieht grell zwitschernd über mich hinweg Richtung Osten, dem anbrechenden Licht des späten Aprils entgegen. Kleine schwarze Körper sind es, die meisten ruhig im Flug, andere tanzen auf und ab wie an Gummibändern. Ich würde so gern mitfliegen. Hinaus in die Unendlichkeit. Ein Wesen von Hunderten, den anderen gleich, ein winziges Nichts.
    Unsichtbar.
    Unsichtbar für die Welt und Äonen entfernt von den teuflischen Geistern mit ihren kalten Fängen.
    Ich schließe die Augen, Tränen quellen warm zwischen meinen Lidern hervor. Ich lache auf: »Unsichtbar.«
    Unsichtbar für Mephistopheles.
    Meistens haben die Dämonen mich nachts geholt. Kurz vor zwölf Uhr. Exakt zu der Zeit, als die erste Katastrophe ihren Lauf genommen hat und ich dem Tod in die Hände gespielt habe.
    Damals ist mein Leben zum Überleben geworden.
    Jetzt ist es zu Ende.
    Die Tränen bleiben in meinen Wimpern hängen. Sie werden kühl, ich blinzle, sehe ihr Glitzern wie vergrößerte Tautropfen direkt vor meinem Blick. Die Bäume und der Fluss wirken wie groteske Figuren. Sie tanzen mir etwas vor. Den Todestanz.
    Ich schließe erneut die Augen.
    Im Wald singt der Morgenwind, und ein Kuckuck übernimmt den Solopart. Nur drei Wochen ist es her, eine Ewigkeit, da sind die Stadt, die Felder und Wiesen noch schneebedeckt gewesen und die Herzen voll eisiger Lügen.
    In einer halben Stunde wird die Sonne aufgehen. Ich strecke die Arme zum Himmel, muss mit den Fingerspitzen die ersten Strahlen berühren, noch einmal die Wärme greifen.
    Wenn ich jetzt gleich die Augen öffne, verschwinden die Bilder und Geräusche für kurze Zeit wieder: die schwarzen Baumsilhouetten am Rand des Weges, die Äste, die in dem warmen Frühlingswind wie warnende Arme zu winken scheinen, das Knirschen der Schritte und die drei Gestalten, die sich vor dem Licht abzeichnen, auf das ich zugehe, voller Hoffnung, voller Liebe.
    Manchmal höre ich noch die Stimme, die mich fragt, was los sei, wenn ich wieder weinend aufgewacht bin, und ich spüre noch die Hand, die mir über die Wange streicht. Ich habe gelächelt und etwas von Verantwortung und besonderen Schützlingen erzählt. Schicksale, die mich nicht losließen. »Ich liebe dich jeden Tag mehr dafür«, war die Antwort gewesen.
    Weshalb ich dennoch getan habe, was so großes Unglück gebracht und unschuldige Opfer gefordert hat, wird sich für immer dem Verständnis des Menschen entziehen, der mir der wertvollste der Welt geblieben ist. Und was ich tun werde, wenn sich jetzt gleich die Sonnenstrahlen auf die Erde ergießen und die Tautropfen zu einem glitzernden Meer verschmelzen – auch das würde dieser Mensch nie nachvollziehen können. Nicht bis ans Ende seines Lebens.

[home]
    1
    Donnerstag, 21 . März
    E r würde keinen Fehler machen. Alles würde perfekt laufen.
    Noch vier Tage. Dann war er ein berühmter Mann. Es war seine letzte Chance, und die gedachte er nicht zu verschenken. Um nichts auf der Welt.
    Günther Assmann knöpfte den langen Wollmantel zu, winkte im Vorbeieilen dem Pförtner in der Glaskabine, während er sich gleichzeitig den Kaschmirschal um den Hals schlang, und trat ins Freie. Unwillkürlich schüttelte er sich, als die kalte Luft auf seine erhitzten Wangen traf. Es roch nach Schnee und Abgasen, und mit metallischem Rattern brauste eine Straßenbahn an ihm vorbei.
    Der Kälteeinbruch zu Anfang der Woche hielt die Stadt fest in seinem Griff, und selbst

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