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Wahn

Wahn

Titel: Wahn
Autoren: Christof Kessler
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WAHN
    Stundenlang hatte er in dem Gebüsch auf der kleinen Anhöhe mit Blick auf die Werkstatt gelauert, um das Gebäude und die Menschen, die dort ein und aus gingen, zu beobachten. Ein Fahrzeug nach dem anderen wurde vorgefahren und in eine der Boxen mit Hebebühne gewunken. Die Automechaniker im blauen Overall kontrollierten die Fahrzeuge, wechselten das Motoröl oder die Ölfilter und stellten die Bremsen ein. So ein Automechaniker war er mehr als zwanzig Jahre lang auch gewesen. Alles war in Ordnung gewesen, bevor die Intrigen begannen. Er hatte einfach zu viel gewusst, er wusste von den Fahrzeugen der Mafia, die hier durchgeschleust worden waren, von den geheimen Transporten nach Russland mit Kisten voller Rauschgift und gefälschter Dollars. Er war ein unbequemer Mitwisser und sollte mundtot gemacht werden.
    Der Werkstattleiter saß jetzt alleine in seinem Büro. Nachdem nach und nach alle Angestellten das Gelände des Autohauses verlassen hatten, schrieb er sicher noch an seinen geheimen Berichten für die Oberbosse, denn er war das Bindeglied zwischen der russischen und italienischen Mafia und dirigierte die hiesige Schaltzentrale der Kartelle.
    Stundenlang hatte Eberhard Sommerfeld im Gebüsch gelauert, aber jetzt war der große Moment gekommen und er stürmte den Abhang hinunter. Er war froh, dass er nicht alleine war. Seine Helfer standen ihm zur Seite. Begleitet von den Heerscharen fühlte er sich stark. Die durch die Lüfte schwirrenden Gnome, die pfeilschnellen Vogelwesen mit den spitzen Schnäbeln und die schwarzen Hunde mit scharfen Krallen und gebleckten Zähnen, sie alle waren bei ihm. Besonders freute er sich über die grünlichen Fratzengestalten, die zwar ihre riesigen Streitbeile schleppen mussten, aber trotzdem leichtfüßig Schulter an Schulter mit ihm den Hügel hinabstürmten. Diesen entscheidenden Kampf würden sie gemeinsam gewinnen. Er würde den elenden Quälern die schrecklichen Demütigungen heimzahlen, die sie ihm zugefügt hatten. »Die Rache ist mein, spricht der Herr«, stieß er immer wieder, im Rhythmus seiner Schritte, hervor.
    In seinem Rucksack transportierte er ein Klebeband, Schnüre, mehrere Chinaböller vom letzten Silvester und das ausziehbare Stativ seiner Fotoausrüstung. Zuvor hatte er sich noch einige Tabletten eingeworfen. Er musste beweglich sein, durfte nicht einfrieren, nicht festkleben, nicht freezen, wie die Ärzte diesen fürchterlichen Zustand der Wehrlosigkeit nannten. Der Schlag musste geschmeidig und schnell ausgeführt werden. Seine Kombattanten liefen keuchend neben ihm her. Ab und an hörte er ihre grellen Stimmen: »Richtig machst du das! Die Kanaille muss ausgelöscht werden! Gib dein Bestes!«
    Als er die Baracke erreicht hatte, schlug er mit seinem Handbeil die Tür zum Büro ein und stand direkt vor dem dicken Mafioso mit grauem Haar und blauem Kittel. Lächerlicherweise trug er unter dem Kittel ein weißes Oberhemd mit braunem Strickschlips. Unter dem Adamsapfel, da wo jeden Morgen der Knoten geknüpft wurde, war der braune Binder schon abgeschabt und glänzte fettig. Unterstützt von seinen Helfern stürzte er sich mit einem lauten Aufheulen auf den völlig überraschten Mann.
    Alles lief wie am Schnürchen, er folgte exakt seinem schon vor Wochen ausgearbeiteten Einsatzplan. Er verklebte zuerst den Mund des Mannes mit einem breiten Paketband, so dass dieser ihn nur noch mit großen und entsetzten Augen anstarren konnte. Dann schloss er dessen Arme hinter dem Rücken mit Handschellen zusammen, die er in einem Sex-Shop gekauft hatte. Er trat dem Feind einige Male in den Bauch und blickte triumphierend auf das röchelnde und keuchende Bündel vor sich.
    Als er merkte, dass seine Kräfte nachließen und auch die Racheengel um ihn herum begannen, sich rar zu machen, griff er nach hinten zum geschulterten Rucksack, um erneut eine von den schnell wirksamen Tabletten einzunehmen. Er trat dem Gefangenen noch einmal kräftig in die Rippen. Aufgrund des Klebebandes war dieser nicht in der Lage zu schreien. Unablässig schüttelte er den Kopf, als wollte er etwas verneinen. Aber da gab es nichts zu verneinen, nichts zu leugnen, er war Kriegsgefangener und würde beizeiten der Justiz übergeben werden.
    Schnaufend, mit zuckenden Armen und Beinen saß Sommerfeld im eroberten Büro hinter dem Schreibtisch. Unter seinen Füßen lag der gefesselte und geknebelte Werkstattleiter. Bis jetzt war alles nach Plan verlaufen. Jetzt war eine sorgfältige Durchsuchung

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