Bücher online kostenlos Kostenlos Online Lesen
Wärst du doch hier

Wärst du doch hier

Titel: Wärst du doch hier
Autoren: Graham Swift
Ads
1
    Fängt der Wahnsinn erst einmal an, denkt Jack, findet er kein Ende. Hatten die Experten damals nicht gesagt, es könne Jahre dauern, bevor er beim Menschen ausbrach? Und jetzt war er in ihm und Ellie ausgebrochen.
    Fünfundsechzig gesund wirkende Rinder, die schließlich dem hastig durchgeführten Vernichtungsbefehl zum Opfer fielen, und danach blieb eine Stille und eine Leere, so hohl wie an dem Morgen, als Mum gestorben war, und darin schwebte der kleine, wütende Zipfel eines Gedanken: Also, dass sie da mal recht behielten, die Experten, dass es später mal, verdammt, woanders ausbrach, sonst war das hier alles umsonst gewesen, der ganze Schmerz und die Trauer.
    Damals also.
    Gesundes Vieh. Ohne Gebrechen an Beinen, Euter und Hufen   – oder im Kopf. »Von denen ist keins wahnsinnig, soweit ich das sehen kann«, hatte Dad gesagt, als wäre es der Anfang von einem seiner seltenen Witze, und sein Gesicht würde sich gleich, wie zum Beweis, zu einem Lächeln in die Breite ziehen. Aber sein Gesicht sah aus, als würde es sich verziehen und verzogen bleiben, und die Wörter, die er als Pointe hätte sagen können, kamen nie über seine Lippen, obwohl Jack jetzt denkt, dass er siegehört hat. Oder war es sein eigener Witz, im Stillen. Oder der Witz, auf den er jetzt erst gekommen ist: »Die Verrückten sind doch wir.«
    Und hätte es je einen Zeitpunkt gegeben, da Jacks Dad seinen beiden Söhnen die Arme um die Schultern hätte legen können, dann war es dieser. Zweifellos waren seine Arme lang genug, selbst für die breiten Schultern seiner Söhne, beide nach dem großen Luxton-Muster gebaut, ungeachtet der acht Jahre, die zwischen ihnen lagen. Tom war damals fünfzehn und wuchs schnell. Und Jack überragte seinen Vater um einen klaren Zoll, eine Tatsache, die er manchmal am liebsten verborgen oder gar rückgängig gemacht hätte.
    Zu dritt standen sie da, als wären sie die einzigen noch Lebenden, auf dem Hof der Jebb Farm. Aber Michael Luxton hatte seine Arme nicht um seine beiden Söhne gelegt. Er hatte das getan, was er seit dem Tod seiner Frau immer wieder tat: Er hatte den Blick fest auf seine Füße gerichtet, den Boden, auf dem er stand, und ausgespuckt.
     
    Und Jack, dessen letzter Blick auf den Hof inzwischen lange zurücklag, blickt jetzt von einem Fenster im ersten Stock auf das graue Meer, auf einen Himmel voll windgepeitschten Regens, und sieht einen Moment lang nur Rauch und Flammen.
     
    Fünfundsechzig Stück Vieh. Oder anders gerechnet (die versprochene Entschädigung außer Acht lassend): Ruin. Ruin, der in nicht allzu ferner Zukunft eintreten würde, der Ruin, der sich seit Vera Luxtons Tod ohnehin unaufhaltsam an sie herangeschlichen hatte.
    Überall in England wurden die Kühe verrückt. Oder wurden, aus Angst, dass sie verrückt werden könnten, zu Hunderten in Verbrennungsöfen geschoben. Wer hätte sich das vorstellen können? Wer wäre je auf den Gedanken gekommen? Aber Rinder sind keine Menschen, das ist eine Tatsache. Und wenn das Unglück kommt, kann man wenigstens denken, auch wenn es nur ein kleiner Trost und herzlich wenig hilfreich ist: Wir waren schon dran, wir haben unseren Teil schon abgekriegt.
    Aber Jahre später, in diesem Häuschen hier am Meer, hatte Jack eines Tages den Fernseher angestellt und gesagt: »Komm schnell, Ellie, sieh dir das an. Sieh es dir an, schnell.« Zu sehen war der große Scheiterhaufen auf der Roak Moor Farm in Devon. Tausende von Rindern auf einem Haufen, und weitere Tausende von Kadavern, die auf den Weiden verwesten. Es brannte Tag und Nacht. Von der Jebb Farm aus wäre der Rauch mit Sicherheit zu sehen gewesen, jenseits der Hügel in der Ferne. Ganz abgesehen von dem Geruch, den der Wind mit sich trug. Und einer im Fernsehen   – einer von diesen Experten   – sagte gerade, dass durch das Verbrennen der Tiere möglicherweise signifikante Mengen von unentdeckten BS E-Auslösern an die Luft abgegeben wurden. Obwohl es jetzt zehn Jahre später war und die Tiere diesmal wegen Maul- und Klauenseuche verbrannt wurden. Die, soweit bekannt, nicht auf Menschen übertragbar war. Bisher.
    »Na, Jack«, hatte Ellie gesagt und ihm den Nacken gestreichelt, »war das nicht eine gute Entscheidung? War er doch, oder?«
    Er jedoch musste sich gegen das seltsame, entgegengesetzteGefühl wehren: dass er hätte da sein sollen, auf der Jebb Farm, mittendrin, da war sein Platz.
    BSE, dann Maul- und Klauenseuche. Wie hätten die Chancen gestanden? Die Fernsehbilder

Weitere Kostenlose Bücher

Mordgier
Mordgier von Jonathan Kellerman
Sein schamloses Angebot
Sein schamloses Angebot von Aphrodite Hunt
Der kalte Kuss des Todes
Der kalte Kuss des Todes von Tatjana Stepanowa
La force du bien
La force du bien von Marek Halter