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Wärst du doch hier

Wärst du doch hier

Titel: Wärst du doch hier
Autoren: Graham Swift
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hatten ausgesehen wie in der Hölle aufgenommen. Flammen, die in die Nacht loderten. Trotzdem, Rinder sind keine Menschen. Nur wenige Monate später hatte Jack wieder einmal gerade den Fernseher angestellt und Ellie herbeigerufen, damit sie das sah. So wie Menschen überall in der Welt demjenigen, der gerade nicht im Zimmer war, zugerufen haben mussten: »Lass alles liegen, komm her und sieh dir das an.«
    Wieder Rauch. Nicht über vertrauten, bekannten Hügelzügen, noch dazu auf der anderen Seite der Welt. Dennoch war Jacks erster Gedanke   – oder vielleicht sein zweiter   – der unbedingt notwendige und angemessene: Wenigstens sind wir hier in Sicherheit. Hier, am südlichen Ende der Isle of Wight. Und während das Fernsehen anscheinend gegen seine eigene Verwirrung ankämpfte und immer, immer wieder dieselbe unglaubliche Bilderfolge zeigte, war er vor die Tür getreten und hatte zum Platz hinuntergeblickt, als rechnete er halbwegs damit, dass alles verschwunden sein könnte.
    Zweiunddreißig weiße Wohnwagen. Alle an Ort und Stelle. Und dazwischen, auf der Wiese, ein paar umherwandernde Menschen, die vielleicht noch nichts ahnten. Aber in jedem Wohnwagen gab es einen Fernseher, und einige davon waren bestimmt angeschaltet. Die Nachricht würde sich zwangsläufig verbreiten. Im Ship, dem Pub, und im Sands Café   – sie musste sich verbreiten. Es war Anfang September, das Ende der Saison, aber mittenan einem wunderschönen, klaren Spätsommertag, das Meer glatt und von einem lächelnden Blau. Wenigstens bis zu diesem Moment mussten eigentlich alle sehr zufrieden mit sich gewesen sein, dass sie eine Woche mit perfektem Wetter erwischt hatten.
    Er spürte ein hilfloses Verantwortungsgefühl, einen Beschützerwunsch in sich aufsteigen. Er hatte hier die Verantwortung. Was sollte er tun   – auf den Platz gehen und die Leute beruhigen? Falls sie in Panik gerieten. Sollte er sagen, dass alles in Ordnung sei? Dass sie einfach mit ihren Ferien weitermachen könnten, schließlich waren sie deswegen gekommen und hatten dafür bezahlt, und sie sollten sich das von den Ereignissen nicht verderben lassen. Sie sollten weiter ihre Ferien genießen.
    Aber sein nächster Gedanke war (obwohl in Wahrheit sein erster, nur dass er ihn zur Seite geschoben hatte und es außerdem weniger ein Gedanke war als eine kalte, klamme Vorahnung): Was bedeutete das für Tom?
     
    Es ist wieder der gleiche Blick vom Schlafzimmerfenster des Lookout Cottage, nur dass das Wetter heute weder sonnig noch ruhig ist. Wolken rasen über Holn Head. Ein Novembersturm braust über den Ärmelkanal auf sie zu. Das Meer, graue Fläche, weißgefleckt, scheint in einer Bewegung von rechts nach links zu ziehen, von West nach Ost, als wäre es irgendwie auf dem Rückzug. Regentropfen schlagen an die Scheibe vor ihm.
    Ellie ist seit über einer Stunde unterwegs   – das Wetter war noch nicht losgebrochen, als sie ging. Vielleicht wartet sie darauf, dass der Sturm abflaut, am Straßenrand imwindgeschüttelten Cherokee. Geht vielleicht noch einmal alle ihre Möglichkeiten durch. Vielleicht hat sie auch genau das getan, was sie angekündigt hat, und ist auf dem Rückweg, muss langsam fahren, mit eingeschalteten Scheinwerfern in dem undurchdringlichen Regen. Vielleicht kommt sie auch   – wer weiß?   – hinter einem Polizeiwagen, der nicht nur die Scheinwerfer, sondern auch das Blaulicht eingeschaltet hat.
    Die Möglichkeiten durchgehen? Das waren ihre Worte, sie hatte sie in den Mund genommen. Die Situation liegt deutlich vor ihm, und trotz Wind und Regen, die alles verschwimmen lassen, ist Jacks Verstand völlig klar. Natürlich hatte sie ihre eigenen Schlüssel. Sie musste nur ihre Handtasche nehmen und aus dem Haus gehen, aber vielleicht sind ihr die anderen Schlüssel wieder eingefallen; Jack hat sie jedenfalls nicht vergessen. Ist sie inzwischen darauf gekommen? Normalerweise war Ellie diejenige, die alles durchdachte, und er der, der schwer von Begriff war.
    »Ellie«, dachte Jack. »Meine Ellie.«
     
    Die Schrotflinte aus dem Schrank unten hat er schon geholt   – der Schlüssel steckt im Schloss   – und sie nach oben gebracht. Sie liegt geladen hinter ihm auf dem Bett, auf der cremeweißen Bettdecke. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat er auch eine Schachtel mit fünfundzwanzig Patronen mitgebracht (einige hat er sich schon in die Tasche gesteckt), falls Polizeiwagen aufkreuzen, falls etwas schiefgeht. Es ist das erste Mal, denkt Jack, dass

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