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Wärst du doch hier

Wärst du doch hier

Titel: Wärst du doch hier
Autoren: Graham Swift
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er ein Gewehr auf ein Bett gelegt hat, und noch dazu auf ihrer beider Bett, das allein reichtschon. Während er aus dem Fenster späht, spürt er das Gewicht des Gewehrs hinter sich, die Kuhle, die es in die Decke drückt, als wäre es ein kleiner schlafender Körper.
    Kinder haben sie keine, dazu kam es nie. Wenigstens das nicht. Er ist eindeutig der letzte Luxton. Es gibt nur eine letzte Komplikation   – sie hat mit Ellie zu tun   –, und
die
hat er ernsthaft und sorgfältig durchdacht.
    Und deswegen ist er hier oben, an dem von Regen gepeitschten Fenster, von dem aus er den besten Blick auf die schmale, sich schlängelnde Straße hat, Beacon Hill, die dieser Tage keinen anderen Zweck hat, als zu seinem Haus zu führen. So ist er sofort alarmiert. Und kann, etwas früher als von unten, das dunkelblaue Dach oberhalb der Böschung sehen, dann die Kühlerhaube des Cherokee, wenn der Wagen in die erste, enge, ansteigende Kurve geht, an der alten Kapelle vorbei. Der Cherokee, der in den letzten drei Tagen so hart beansprucht worden ist.
    Die Straße da unten, von Regenwasser überspült, scheint zu verschwimmen.
    Kann gut sein, dass Ellie gar nicht zurückkommt. Eine weitere Möglichkeit, über die sie vielleicht ernsthaft nachdenkt. Aber wo soll sie sonst hin?
    Das hier ist alles völlig verrückt, denkt Jack, aber in gewisser Weise war er nie klarer im Kopf. Wegen des Regens ist die Sicht durch die Fensterscheibe nur schemenhaft, aber er sieht hindurch, zu den Reihen der vom Wind gerüttelten Wohnwagen halb rechts im Mittelgrund, jenseits des Ausläufers, der sich unterhalb seines Standorts zu dem niedrigen Landvorsprung senkt. Sie stehen alle leer, versteht sich, für den Winter.
    »Na, Jack, wenigstens ist das alles außerhalb der Saison passiert.«
    Ellies Worte, und einen winzigen, beschämenden Augenblick lang war der Gedanke auch ihm durch den Kopf geschossen.
     
    Er sieht zu den Wohnwagen hinüber und spürt auch jetzt ihr Zerren, wie das Zerren des Windes an den dünnen, wackelnden Gestellen. Zweiunddreißig bebende Wohnwagen. Zur Linken das verrammelte Platzbüro, der Waschsalon, die Zeile leerer Läden   – die Gitter herabgelassen, die Fenster mit Brettern vernagelt. Die Einfahrt mit dem Tor, die von der Sands End Road abzweigt, darüber das im Wind schaukelnde Schild.
    Auch jetzt, jetzt besonders, spürt er das Zerren. Der Lookout Caravan Park ist nach seinem Haus (eigentlich zwei kleine Häuser zu einem verbunden) benannt, das seinen Namen nach seiner früheren Funktion als Haus der Küstenwache hat. So fühlt er sich jetzt, wie ein verzweifeltes Mitglied der Küstenwache. Ellie hatte vorgeschlagen, den Namen The Sands zu ändern. Er war dafür gewesen, ihn zu behalten, um guten Willen und Kontinuität zu bekunden. Und das hatten sie auch getan, ein Jahr lang. Aber Ellie wollte unbedingt dem Ganzen ihren eigenen Stempel aufdrücken und das, was vergangen war, auswischen. Es gebe bestimmt unendlich viele Wohnwagenplätze, die The Sands hießen, hatte sie gesagt, aber The Lookout, das würde sich abheben.
    Es könnte so oder so wirken, hatte er gesagt, »Lookout«: Ausguck. Oder: aufgepasst. Einer seiner seltenenVersuche, mit feierlicher Miene einen Witz zu machen wie sein Vater früher.
    Ellie hatte mit den Schultern gezuckt. Ob ihm der Name des Hauses denn nicht gefalle? Der war ja auch nicht von ihnen. Lookout Cottage (normalerweise einfach The Lookout). Sie könnten ja auch den Namen des Hauses ändern. Ellie war für Veränderung, auf ganzer Linie. Sie war jetzt seine Frau. Sie hatte gelacht   – sie hatte ihren Namen geändert und hieß jetzt Luxton.
    Aber sie hatten es nicht getan. Vielleicht hätten sie es tun sollen. Und bevor die neue Saison anfing, hieß der Platz, um der Einheitlichkeit willen, aber auch, weil es etwas Neues war, und weil Ellie fand, dass es besser als The Sands klang, The Lookout Park   – auf dem Briefkopf und in der Broschüre und auf dem Schild über dem Tor sowie bei allen, die davon sprachen.
    Der Regen prasselt an die Fensterscheibe. Lookout   – Ausguckzeit, denkt er.

2
    Meine Ellie. Sie hatte ihren Namen (schließlich und endlich) geändert, so wie einst seine Mutter, und hieß jetzt Luxton. Und Luxton, hatte seine Mutter immer gesagt, war ein Name, auf den man stolz sein konnte. Er war sogar von Ruhm gekrönt, der Name.
     
    Beide, Jack und Tom, waren mit der Geschichte aufgewachsen, die sie jedoch wegen der acht Jahre, die zwischen ihnen lagen, nicht

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