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Miss Marples letzte Fälle

Miss Marples letzte Fälle

Titel: Miss Marples letzte Fälle
Autoren: Agatha Christie
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kommst dann alleine z u recht, Julian? Ich glaube, ich muss für meine Einkäufe diesmal nach London fahren.«
    »Einkäufe?«, fragte ihr Mann verwundert. »Was denn für Einkäufe?«
    Bunch lachte etwas verlegen. »Ach, Liebling, weißt du, da gibt es einen Ausverkauf bei Burrows und Portmans. Du weißt doch, Laken, Tischtücher, Handtücher und so. Ich verstehe gar nicht, was immer mit unseren Handt ü chern los ist. Alle naselang sind sie kaputt. Übrigens«, fügte sie hinzu, »sollte ich auch mal wieder Tante Janet besuchen.«
     
    Diese liebe alte Dame, Miss Jane Marple, genoss jetzt zwei Wochen lang die Freuden der Großstadt, da ihr Neffe ihr seine komfortable Wohnung überlassen hatte.
    »Ja, das ist wirklich nett von Raymond«, murmelte die alte Dame. »Er ist mit Joan für zwei Wochen nach Am e rika geflogen und bestand darauf, dass ich in dieser Zeit hier wohne. Und jetzt, liebe Bunch, erzähl mir, was dich bedrückt.«
    Bunch war Miss Marples Lieblingspatenkind, und die alte Dame blickte sie voller Zuneigung an, als Bunch i h ren besten Filzhut fest auf den Hinterkopf drückte und ihre Geschichte erzählte.
    Bunchs Bericht war knapp und klar. Miss Marple nic k te, als Bunch geendet hatte. »Ich verstehe«, sagte sie. »Ja, ich verstehe.«
    »Und darum meinte ich, müsste ich mit dir sprechen«, fuhr Bunch fort. »Siehst du, wenn ich es nicht klug anste l le – «
    »Aber du bist doch klug, mein Liebes.«
    »Nein, sicher nicht. Nicht so klug wie Julian.«
    »Julian, natürlich, der hat ein großes Wissen und Inte l lekt«, sagte Miss Marple.
    »Ja, das hat er«, sagte Bunch. »Julian hat den Intellekt, und ich, ich habe dafür das Gefühl.«
    »Ja, und du hast einen gesunden Menschenverstand, Bunch, und überdies bist du auch noch intelligent.«
    »Siehst du, ich weiß nicht genau, was ich jetzt tun muss. Julian kann ich nicht fragen, weil – nun, ich meine, Julian ist so ganz Rechtschaffenheit…«
    Diese Erkenntnis schien Miss Marple durchaus zu te i len. Sie sagte: »Ich verstehe, was du sagen willst, Liebes. Wir Frauen – nun ja, das ist etwas ganz anderes.« Dann fuhr sie fort: »Du hast mir erzählt, was geschehen ist, Bunch, aber jetzt möchte ich hören, wie du darüber denkst.«
    »Ich denke, dass alles nicht stimmt«, sagte Bunch. »Der Mann, der da in der Kirche lag und starb, wusste genau, was ›Kirchliches Asyl‹ bedeutet. Er sprach es aus, wie Julian es gesagt haben würde. Ich meine, er war belesen, ein gebildeter Mensch. Und wenn er auf sich selbst g e schossen hätte, hätte er sich nicht hinterher in eine Ki r che geschleppt und ›Kirchliches Asyl‹ gesagt. Ich finde, es ist eindeutig, dass er verfolgt wurde und sich in die Ki r che rettete, wo er sicher war. Da durften seine Verfolger ihm nichts mehr anhaben. Es gab einmal eine Zeit, da nicht einmal das Gesetz dort jemand fassen durfte.«
    Sie sah Miss Marple fragend an. Die nickte. Bunch fuhr fort: »Diese Leute, diese Eccles, waren so ganz anders. Ungebildet und grob. Und dann ist da noch etwas. Die Uhr des Toten. Sie trug die Initialen W S. auf der Rüc k seite. Aber innen, ich habe sie aufgemacht, stand in sehr kleinen Buchstaben ›Für Walter von seinem Vater‹ und das Datum. Walter. Aber die Eccles redeten immer nur von ihm als William oder Bill.«
    Miss Marple wollte etwas sagen, aber Bunch war in Fahrt gekommen und sprach hastig weiter. »O ja, ich weiß, man wird nicht immer mit dem Namen gerufen, auf den man getauft wurde. Ich meine, ich kann verstehen, dass man auf den Namen William getauft wurde und ›H ä schen‹ oder ›Dickerchen‹ genannt wird oder sonst was. Aber seine Schwester würde ihn nicht William oder Bill nennen, wenn sein richtiger Name Walter wäre.«
    »Du glaubst also, sie war gar nicht seine Schwester?«
    »Da bin ich sogar ziemlich sicher. Sie waren gräulich – alle beide. Sie kamen in die Pfarrei, um seine Sachen zu holen und um herauszubekommen, ob er irgendetwas gesprochen hat, bevor er starb. Als ich ihnen berichtete, er habe nichts gesagt, sah ich ihren Gesichtern an, wie erleichtert sie waren. Ich glaube«, schloss Bunch, »dass es Eccles war, der ihn erschossen hat.«
    »Also Mord?«, sagte Miss Marple.
    »Ja«, sagte Bunch. »Mord. Und das ist der Grund, w a rum ich zu dir gekommen bin, liebe Tante.«
    Bunchs Bemerkung mochte einem nicht eingeweihten Zuhörer ungereimt und widerspruchsvoll erscheinen, aber in gewissen Kreisen genoss Miss Marple den Ruf eines kriminalistischen

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