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Miss Marples letzte Fälle

Miss Marples letzte Fälle

Titel: Miss Marples letzte Fälle
Autoren: Agatha Christie
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Das Asyl
     
    D ie Arme voller Chrysanthemen, kam die Frau des V i kars um die Ecke des Pfarrhauses. Schwarze Gartenerde haftete an ihren derben Schuhen, und ein paar Erdkrumen klebten an ihrer N a senspitze, doch sie merkte nichts d a von.
    Es machte ihr etwas Mühe, das Tor der Pfarrei zu öf f nen, denn es hing, verrostet, schon halb aus den Angeln. Ein Windstoß ließ ihren etwas ramponierten Filzhut ve r rutschen, sodass er noch kühner saß als zuvor. »Ve r dammt!«, zischte Bunch.
    Von ihren optimistischen Eltern auf den Namen Diana getauft, wurde Mrs Harmon schon in frühen Jahren, wohl aus offensichtlichen Gründen, Bunch (Bündel) genannt, und der Name war ihr geblieben. Sie presste die Chrysa n themen an sich und ging über den Friedhof bis zur Ki r chentür.
    Die Novemberluft war mild und feucht. Wolken fegten über den Himmel und ließen nur hier und dort ein Stüc k chen Blau frei. Im Innern der Kirche war es dämmerig und kalt, es wurde nicht geheizt, wenn keine Messe war.
    »Brrr!«, sagte Bunch ausdrucksvoll. »Ich beeile mich li e ber. Ich will ja nicht vor Kälte sterben.«
    Mit der Schnelligkeit, die aus langer Übung resultiert, trug sie alles nötige Drum und Dran zusammen: Vasen, Wasser, Blumenhalter. Ich wünschte, wir hätten Lilien, dachte Bunch. Ich hab diese zerrupften Chrysanthemen so satt. Ihre schlanken Finger arrangierten die Blume n stängel auf den Haltern.
    Es war nichts besonders Originelles oder Künstler i sches an diesen Dekorationen, denn Bunch Harmon selbst war weder originell noch künstlerisch, aber sie g a ben dem Raum eine anheimelnde freundliche Atmosph ä re. Bunch trug gerade vorsichtig die Vasen die unteren Stufen zum Altar hinauf, als die Sonne durchbrach.
    Sie schien durch die grellbunten Glasscheiben des Os t fensters, die, blau und rot, das Geschenk eines wohlh a benden viktorianischen Kirchgängers waren. Die Wi r kung war fast überwältigend in ihrem plötzlichen Reic h tum an Farben. Wie Juwelen, dachte Bunch. Plötzlich blieb sie wie angewurzelt stehen. Auf den oberen Alta r stufen lag eine dunkle, in sich zusammengesunkene Ge s talt.
    Bunch setzte behutsam die Vasen ab und eilte darauf zu. Es war ein Mann, der dort zusammengekrümmt lag. Bunch beugte sich über ihn, kniete nieder und langsam, vorsichtig, drehte sie ihn um. Ihre Finger fühlten nach seinem Puls, einem Puls, der so schwach und flatternd ging, dass er seine eigene Geschichte erzählte, genauso wie die grünliche Blässe des Gesichts. Kein Zweifel, dachte Bunch, er stirbt.
    Der Mann mochte fünfundvierzig Jahre alt sein, er trug einen dunklen, schäbigen Mantel. Sie legte die Hand, die sie aufgehoben hatte, behutsam nieder. Die andere Hand war, zu einer Faust geballt, fest auf die Brust gepresst. Die Finger hielten ein Taschentuch umklammert, das eine rostige Farbe angenommen hatte. Auch rund um diese verkrampfte Hand bemerkte sie Flecken, die sie für Blut hielt. Bunch hockte sich auf ihre Fersen und überlegte fieberhaft und mit gerunzelter Stirn.
    Die Augen des Mannes waren geschlossen, doch jetzt öffnete er sie plötzlich und sah Bunch mit klarem Blick an. Er schien weder bewusstlos noch verwundert zu sein. Sein Blick schien sehr lebhaft und intelligent. Nun bewe g te er die Lippen, und Bunch beugte sich vor, um ihn ve r stehen zu können. Er sagte nur die Worte:
    »Kirchliches Asyl.«
    Ihr schien es, als ob ein schwaches Lächeln über seine Züge huschte, während er die Worte aussprach. Ein Missverständnis war nicht möglich, denn nach einem Augenblick wiederholte er: »Kirchliches Asyl…«
    Dann schlossen sich die Augen wieder, und ein lang g e zogener Seufzer entrang sich seiner Brust. Noch einmal tasteten Bunchs Finger nach dem Puls. Er schlug noch, doch schwächer jetzt und noch unregelmäßiger. Sie stand entschlossen auf.
    »Bleiben Sie still liegen«, sagte sie. »Versuchen Sie nicht, sich zu bewegen. Ich hole Hilfe.«
    Wieder öffnete der Mann die Augen, doch diesmal schien seine Aufmerksamkeit auf das bunte Licht, das durch das Ostfenster hereinfloss, gerichtet zu sein. Er murmelte etwas, das Bunch nicht verstand. Sie dachte verwundert nach, ob es der Name ihres Mannes gewesen sein konnte.
    »Julian?«, sagte sie. »Kamen Sie hierher, um Julian zu finden?« Aber der Mann gab keine Antwort. Er lag da mit geschlossenen Augen, sein Atem kam in langsamen, schwachen Stößen.
    Bunch wandte sich ab und verließ schnell die Kirche. Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und nickte

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