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Liebe bringt die höchsten Zinsen

Liebe bringt die höchsten Zinsen

Titel: Liebe bringt die höchsten Zinsen
Autoren: Egon F. Freiheit
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1. Die Nacht der Tat

       Die Frau, die in wenigen Minuten das schlimmste Verbrechen verüben wollte, zu dem eine Mutter fähig ist, verharrte im Rundbogen eines alten Fachwerkhauses in der Domgasse. Hatte sie Stimmen gehört? Hatte irgendjemand hinter den Gardinen sie beobachtet?
       Das nasse Pflaster der Straße glänzte im Schein der gusseisernen Straßenlaternen. Die Frau lauschte hinaus in die Nacht. Als kein Geräusch die Stille unterbrach, blickte sie vorsichtig die Straße hinab, dorthin, woher sie gekommen war – und in die Richtung, die vor ihr lag.
       In ihren Armen hielt sie ein dunkles Bündel. Sie drückte es fest an sich, ihr Leib schützte es gegen die Kälte – und auch gegen den feinen Regen, der sich wie ein feuchter Film über die kleine Stadt gelegt hatte.
       Zögernd trat sie hinaus auf die Fahrbahn, die sich ohne jeden Gehsteig zwischen den alten Häusern hindurchschlängelte. Fast alle Gebäude trugen ein kunstvoll geschmiedetes Wappen, das ein Gewerk symbolisierte und dem Betrachter wie vor hundert Jahren verkündete, wer in dem Haus wohnte: ein Apotheker neben einem Schreinermeister und gegenüber der Juwelier neben dem Schuhmacher.
       Nichts hatte sich geändert in den letzten Jahrzehnten: weder die Fassaden noch die Gedanken der Menschen dahinter. Nur das Eiscafé war neu, das vor einem Jahr die Konditorei ersetzt hatte und den Schulschwänzern im Winter Pizza statt italienischer Eiscreme garantierte.
       Was hätte sich auch ändern sollen in Talstadt? Die Menschen waren gläubig und zufrieden, die Domglocken gaben den Takt an und die Millionenstadt München lag so weit weg, dass niemand ohne Wurstsemmel und Zeitung den Zug bestiegen hätte.
       Die Frau kannte jedes Haus. Fast täglich war sie früher diese Gasse entlang geschlendert – allein mit ihren Gedanken und ihrem Geheimnis.
       Jetzt huschte sie im Schatten der Häuserzeile scheu zum großen Platz am Ende der gepflasterten Straße. Sie drückte ihre Last so eng an sich, als wäre sie ein Teil ihres Körpers. Ein langer schwarzer Rock, der beim Laufen gegen ihre Knöchel schlug, verhüllte ihre Beine, ein weiter schwarzer Mantel ihren Körper. Um ihren Kopf hatte sie ein Tuch geschlungen, das ihr Gesicht verbarg und nur noch ihre dunklen, verweinten Augen frei ließ. Wenn sie schon jemand sehen sollte – dann würde er sie wenigstens nicht erkennen.
       Und er würde auch keine präzise oder hilfreiche Beschreibung abgeben können.
       Dort, wo die Domgasse endete und den Blick freigab auf den runden Platz mit dem wuchtigen Gotteshaus, das so alt war wie die Gedanken seiner sonntäglichen Besucher, blickte die Frau gehetzt um sich. Entschlossen hastete sie die breiten, ausgetretenen Steinstufen zum Portal mit den schweren, eisenbeschlagenen Flügeltüren empor, die um diese Stunde den Weg zum Inneren versperrten. Behutsam löste sie das dunkle Bündel aus ihren Armen, küsste es zärtlich und legte es vorsichtig auf der obersten Stufe ab. Dann eilte sie, wie von Furien getrieben, zurück in die Dunkelheit der Gasse.
       Als sie sich unbeobachtet wähnte, betrat sie nervös eine Telefonzelle, nestelte zwei Münzen aus ihrer Manteltasche und wählte mit fahrigen Bewegungen fünf Ziffern.
       Noch bevor das erste Freizeichen verklungen war, wurde am anderen Ende abgehoben – so eilig, als hätte der andere das Klingelzeichen geradezu herbeigesehnt.
       Die Frau wartete nicht, bis sich der Angerufene mit seinem Namen meldete. Sie hörte seinen heftigen Atem und sie wusste, wer es war.
       Verzweifelt und mit tränenerstickter Stimme keuchte sie ins Telefon: „Ich hab's getan – aber ich hätte es nie tun dürfen! Nie, nie, nie – hörst du?"
       Dann knallte sie den Telefonhörer wieder in die Halterung, stürzte aus der Telefonzelle und verschwand in der Dunkelheit.

2. Das verhängnisvolle Erbe

       Idyllisch liegt Talstadt am Fuße der Berge, eingebettet in grüne Wiesen auf der einen Seite, geschützt vom mächtigen Gebirgsmassiv der bayerischen Voralpen auf der anderen. Im Zentrum das imposante Gotteshaus und der weitflächige runde Marktplatz – eingekreist von historischen Gebäuden. In der malerischen Häuserzeile überragen zwei der Bauten alle anderen um eine Fensterhöhe: die traditionsreiche Waldenberg-Bank und, gleich nebenan, das einzige Notariat in der kleinen Stadt. Beide Bauten haben mit goldenen Schnitzereien reich verzierte Eingangstüren und schwere

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