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Kreuzzug

Kreuzzug

Titel: Kreuzzug
Autoren: Marc Ritter
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    Prolog
    Salzsee von Uyuni , September 2011
    P edro schaltete in den Vierten, drückte das Gaspedal bis zum Boden durch und beschleunigte den Land Cruiser auf einhundertdreißig Stundenkilometer. Um Pedro herum war nichts als die gleißende Weiße des Salzes.
    Der See war trocken und die Piste eben wie ein Brett. Er hätte an diesem Tag auch mit einem Sportwagen und doppelt so schnell fahren können. Noch einmal richtig Gas geben auf seinem See, danach war ihm seit dem frühen Morgen gewesen. Das Schicksal hier, zu Hause, herausfordern. Gott versuchen. Einen Porsche 911 oder einen Mercedes SL hätte er gebraucht. Eines der schnellen Autos aus dem Land, in das er am Abend reisen würde mit zwölf der Seinen. Ein Sportwagen hätte für ein Gottesurteil getaugt. Wenn es ihn zerrissen hätte bei zweihundertsechzig, wäre es eben so gewesen. Wenn er aber ohne Unfall ans andere Ufer des Sees gekommen wäre, hätte er einen göttlichen Auftrag von Pachamama , die in allem steckte. In der Luft. Im Wasser. Im Salz.
    Aber so musste er sich selbst entscheiden. Der Land Cruiser von Onkel Pepe schaffte auch auf dem brettebenen Salzsee nur hundertvierzig. Zu wenig für einen Gottesbeweis, der ihm zeigen würde, dass er im Begriff war, das Richtige, das Rechte, das Gerechte zu tun.
    Er nahm die Sonnenbrille ab und warf sie auf den Beifahrersitz. Er wollte die Helligkeit, die Weite, seinen See noch einmal mit allen Sinnen erfassen. Mit den Augen in sich aufnehmen. Aufsaugen. Er wusste nicht, ob er den See und das Salz je wiedersehen würde.
    Diesmal würden sie nicht lange reden. Zuhören würde sowieso niemand. Diesmal war die Zeit gekommen zu handeln.
    Grainau , Eibsee , 6 . Januar 2012
    W inzig klein waren die Sprengsätze. Hamids Tochter Khaleda hatte sie als süß bezeichnet. »Wie Twix«, hatte sie gesagt.
    Ein paar hundert Gramm C 4 pro Strang. Jeder Strang nicht länger oder schwerer als ein Twix. Auch die Farbe stimmte: mitteldunkles Braun. Khaleda hatte recht und Hamid mit ihrem Vergleich inspiriert. So hatte er seine kleinen Bomben in die Umhüllungen des Schokoriegels verpackt. Er hatte deutsche Verpackungen am Flughafen aus dem Müll der ankommenden Flugzeuge gesammelt. Hamid war Perfektionist. Ganz gleich, ob es um das Bauen oder um den Schmuggel seiner explosiven Kunstwerke ging.
    Das C 4 , das er verwendete, war rein, ohne Metallstaub oder andere Marker. So waren die vier süßen Bomben mit Yemenia Air von Sanaa nach Hamburg im Gepäck einer deutschen Touristin gelangt. Von dort reisten sie mit dem Auto nach Kirchheim/Teck, wo im Frühjahr die Übergabe stattgefunden hatte. Seit dem späten Sommer klebten sie an den Innenseiten der vier Stahlstreben und harrten ihres Einsatzes. Der Tag, an dem die süßen Päckchen ihre todbringende Kraft entfalten durften, war gekommen.
    Der Mann, der sich Abdallah nannte, nahm das Präzisionsglas an die Augen und fixierte die Stütze, die weit über ihm aus dem Fels zu wachsen schien. Die Fernbedienung hatte er bereitgelegt. Abdallah atmete tief durch. Nein, es musste sein. Es gab kein Zurück. Und danach erst recht nicht mehr.
    Er drückte den Knopf. Es dauerte eine endlose Sekunde, bis er die vier kleinen Blitze und die zugehörigen Rauchwölkchen sah. Die Stütze erbebte. Sie blieb zunächst für einige Momente stehen, als wäre nichts weiter geschehen. Der Schall der Detonationen erreichte Abdallah. Dann, als ob die Stahlkonstruktion erst gewahr werden musste, dass sie die feste Verbindung mit ihrem Betonsockel verloren hatte, neigte sie sich unter dem Druck des Tragseiles und dem Gewicht der heranfahrenden Gondel langsam nach links. Sie fiel in einem Stück zur Seite, bevor die Tragseile ihr oberes Ende zurückhielten und sie in der Mitte abknickte. Ihre Spitze kam auf dem Betonsockel auf. Stütze  II war exakt in der Mitte zusammengefaltet.
    Zuerst hatte die fallende Stütze die voll besetzte Gondel nach links mitgerissen, sodass die gut hundert Frauen und Kinder in ihrem Inneren zu Boden gegangen waren. Dann riss das mit der Stütze niedergehende Tragseil die Gondel nach unten. Sie fiel fünfzig Meter in die Tiefe und schlug mit der vorderen linken Ecke auf dem Fels auf. Wegen der leichten Aluminiumkonstruktion wurde die Ecke zu einer kleinen Platte verformt. Darauf kam die Gondel zum Stehen, stabilisiert von dem Seil, das sich über ihr abgelegt hatte. Alle Insassen rutschten in die untere Ecke, und die Knochen, die nach dem Aufschlag noch ganz waren, brachen in

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