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Neumondkuss: Ein Vampirroman (German Edition)

Neumondkuss: Ein Vampirroman (German Edition)

Titel: Neumondkuss: Ein Vampirroman (German Edition)
Autoren: Patricia Schröder
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1
    Mein Lieblingsplatz befindet sich ganz oben unter dem Dach. Hier gibt es drei Zimmer. Für die Renovierung des kleinsten, das rechts von der Treppe liegt und nach Süden hinauszeigt, habe ich bis Mitte Januar gebraucht. Unter den alten Tapetenschichten ist feuchter, bröckeliger Putz zum Vorschein gekommen, außerdem musste einer der tragenden Querbalken erneuert werden. Ich habe die Wände getrocknet, die Bodendielen abgeschliffen und geölt, alles weiß getüncht und mir mit hellen modernen Möbeln eine Schlafstube eingerichtet.
    In den ersten Nächten meiner neuen Identität habe ich noch kein Auge zubekommen, erst allmählich beginnt sich meine Furcht vor dem kleinen Tod zu verlieren.
    Wenn es Abend wird und ich diese ungewohnte Müdigkeit in mir spüre, setze ich mich in den großen Raum auf der anderen Seite des Obergeschosses, schaue durch das zerstörte Dach in den Sternenhimmel hinauf und denke an Jolin.
    Bisher habe ich es noch nicht übers Herz gebracht, das Dach zu reparieren. Zu übermächtig sind die Erinnerungen an diese Dezemberneumondnacht mit ihr.
    Ohne Jolin wäre ich nicht das, was ich bin. Ich lebe durch sie, und ich lebe für sie. Sie ist alles, was ich je geliebt habe, und das Einzige, für das ich, wenn es das Schicksal von mir verlangte, auf der Stelle sterben würde.
    Gunnar Johansson parkte den weinroten Mondeo direkt vor der Haustür. Eigentlich war die Lücke viel zu klein, und er musste mehrmals vor- und zurücksetzen, bis der Wagen einigermaßen gerade zwischen die anderen Autos passte.
    »Pa, du übertreibst, ich laufe doch nicht auf den Händen«, sagte Jolin lachend, nachdem ihr Vater den Ford umrundet hatte und nun die Beifahrertür öffnete.
    »Für dich übertreibe ich gern«, erwiderte Gunnar, beugte sich zu ihr herunter und küsste flüchtig ihre Stirn. Dann schob er seine Hand unter ihre Achsel und umfasste ihren Oberarm. Jolin drehte sich zur Seite und ließ die Beine aus dem Auto hängen, und ihr Vater half ihr mit einem schnellen, kräftigen Zug auf den Bürgersteig.
    »Wir sind schon ein richtig gutes Team«, sagte sie, während sie auf die Tür zusteuerte. Ihr Schritt war nach wie vor unsicher, und Gunnar Johansson beeilte sich mit dem Abschließen des Wagens, um ihr zu folgen.
    Jolin stoppte vor den Eingangsstufen, legte den Kopf in den Nacken und ließ ihren Blick an den Simsen entlang bis in den vierten Stock hinaufwandern.
    »Er ist bestimmt noch nicht da«, meinte ihr Vater. »Du weißt doch, wie unermüdlich er an eurem neuen Heim werkelt.«
    In seiner Stimme schwang ein Hauch von Wehmut. Natürlich war es nicht leicht für ihn, seine siebzehnjährige Tochter gehen zu lassen, und wäre er ein anderer gewesen, hätte er sie sicher umzustimmen versucht. Aber Gunnar Johansson war ja nicht blind. Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie sehr Jolin sich in den letzten Wochen verändert hatte. Aus dem ernsten, fast scheuen Wesen war ein lebenslustiges, offenes Mädchen geworden. Das Nachdenkliche schien sich quasi über Nacht verloren zu haben und war einer lebendigen Neugier und einem selbstironischen Humor gewichen, von dem er nicht gedacht hätte, dass sie ihn jemals entwickeln würde. Im Gegenteil. Eigentlich hatte er befürchtet, dass Jolin sich nach diesem schrecklichen Unfall in der Burgruine Horsteck, bei dem ihre Unterarme zertrümmert worden waren und ein Mädchen aus ihrer Stufe beinahe ums Leben gekommen wäre, noch mehr verschließen würde.
    »Tröste dich, Pa«, stöhnte Jolin. »Es wird ewig dauern, bis es fertig ist.«
    »Ich weiß«, sagte Gunnar.
    Seine Tochter sah ihn überrascht an. »Sag bloß, du bist dort gewesen!«
    »Natürlich. Ich muss doch wissen, wo mein Kind in Zukunft leben wird.«
    »Und?« Jolins Augen funkelten erwartungsvoll. »Wie findest du es?«
    »Willst du das wirklich hören?«
    »Aber klar doch!«
    Gunnars Mundwinkel zuckten. Er kramte seinen Schlüsselbund hervor und öffnete die Haustür. »Das Haus ist eine Bruchbude«, sagte er trocken.
    »Jaaa, aber es ist … total romantisch.«
    Jolin schlüpfte an ihm vorbei ins Treppenhaus.
    Ihr Vater warf ihr einen Blick zu, der etwas ausdrückte, das irgendwo zwischen Belustigung und Ekel lag. »Du findest Spinnweben und Ratten romantisch?«
    »Nein, ich finde einsam gelegene alte Häuser romantisch«, erwiderte sie. Und kaputte Dächer, durch die man in den Himmel schauen kann und unter denen man seine erste – und bisher leider einzige – Liebesnacht verbracht hat, fügte sie

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