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Seelenbrand (German Edition)

Seelenbrand (German Edition)

Titel: Seelenbrand (German Edition)
Autoren: Ralf Mickholz
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1
    »Wir müssen die Dinge dort unbedingt wieder in den Griff bekommen!« Der Bischof streckte sich behäbig nach der feinen Porzellantasse, die vor ihm auf dem kleinen, reich verzierten Tischlein stand. »Die Gemeinde da oben war einfach schon zu lange ohne einen eigenen Pfarrer. Da mußte ja früher oder später etwas Derartiges geschehen.« Sein vornehm abgespreizter kleiner Finger, der kurz und dick in der Luft stand, während sein Besitzer schlürfend einen Schluck aus dem filigranen Täßchen nahm, glich eher einem Würstchen, als einem bischöflichen Körperteil.
    »Mein lieber Pierre ...«, Seine Exzellenz verzog angewidert das Gesicht – mit diesen auffällig schlaff herunterhängenden Wangenlappen – und schaufelte sich dann drei Löffel Zucker in seinen Tee, »... Sie kennen doch die Leute auf dem Lande ... dieser fürchterliche Aberglaube ... er ist ihnen einfach nicht auszutreiben.« Das feine Silberlöffelchen, mit dem er schließlich die Porzellantasse zum Klingen brachte, lag in seiner fleischigen Hand wie ein winziger Zahnstocher. Er machte eine unwillige Kopfbewegung hinüber zu seinem wuchtigen Eichenholzschreibtisch, auf dem einige Stapel Papier fein säuberlich nebeneinander lagen.
    »Sehen Sie sich das an!« jammerte er und setzte sich diesen ungenießbaren Zuckersud an seine Lippen. Vorsichtig nahm er einen kleinen Schlürfer davon zu sich. »Jeden Monat bekomme ich Dutzende solcher Anzeigen aus dem ganzen Bistum.« Die süße Brühe schien aber nun endlich seinen Wünschen zu entsprechen. Mit einem genußvollen Seufzer stellte er die Tasse schließlich zurück auf den kleinen Tisch. Dieses hölzerne Schmuckstück, das mit seinen goldenen Verzierungen durchaus in den Salon eines adeligen Herrschaftssitzes gepaßt hätte, war derartig mit diversen Porzellanschüsseln überladen, daß ein Maultier – gleicher Größe – unter dieser Last schon längst in die Knie gegangen wäre.
    »Überall soll das Böse am Werk sein!« jammerte er, während er sich mühsam über seinen dicken Bauch nach vorne beugteund nach einer dieser Schüsseln griff. »Wenn in meinem schönen Bistum irgendwo ein Kruzifix von der Wand fällt ...«, der Dicke hob belehrend den Finger, als er es sich wieder gemütlich gemacht hatte, »... und Gründe dafür gibt es weiß Gott genug ...«, seine Aufmerksamkeit galt nun aber ganz der Schüssel auf seinem Schoß, »... dann muß gleich ein Exorzist her!« Neugierig liftete er den reichbemalten Deckel des Porzellanbehältnisses und legte ihn beiseite. »Als hätte ich nicht schon genug Arbeit!«
    Ermattet sank er in seinen goldenen Thronsessel, während seine dicken Finger allerdings noch die nötige Kraft dazu aufbrachten, um nach einem Schokoladenplätzchen zu angeln. Daß Pierre während dieses Termins mit einem schäbigen Holzstuhl – ohne Kissen – vorliebnehmen mußte, schien ihn nicht weiter zu belasten, als er sich das kakaofarbene Stück Gebäck genüßlich zum Mund führte. »Aber diese Gemeinde in Rennes-le-Château, die der Herr ... leider Gottes ... ebenfalls meinem Bistum zugedacht hat, ist ein Quell fortwährender Unruhe ... eine regelrechte Qual für meinen empfindlichen Magen.« Er stockte einen kurzen Augenblick, biß dann aber herzhaft in das zuckerhafte Backwerk, das wohl, wenn Pierre das Äußere seines seltsamen Vorgesetzten richtig interpretierte, zur Lieblingsspeise Seiner Exzellenz gehörte. Das knusprige Teigröllchen zerlegte sich jedoch unterdessen unwillig in seine krümeligen Bestandteile und verteilte sich widerspenstig über den Schoß des Bischofs.
    »Seit dem ... sagen wir ...«, angeregt fischte er mit einer Hand wieder in den Tiefen der Schüssel herum »... ja ... nach dem plötzlichen Ableben des dortigen Pfarrers vor zwei Jahren, gehen in diesem Dorf Dinge vor ...« Das Plätzchen, das er gerade ans Licht befördert hatte – und das im Moment augenscheinlich wichtiger war, als sein junger Gast –, entsprach wohl irgendwie nicht ganz den Vorstellungen Seiner Exzellenz. »Sie glauben nicht ...«, mürrisch hielt er Pierre das gezuckerte Backwerk unter die Nase, »... wie oft ich meinem Sekretär schon gesagt habe: kein Karamel!« Erregt ließ er das runde Ding auf den Tisch fallen und nahm das Innere der Schüssel daraufhin genauer unter die Lupe.
    »Wo waren wir?« murmelte er schließlich, während er ein weiteres, unwillkommenes Karamelgebäck aus dem Behältnis angelte und wütend aussortierte.
    »Beim Tod des Pfarrers von

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