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Kreuzigers Tod

Kreuzigers Tod

Titel: Kreuzigers Tod
Autoren: Peter Oberdorfer
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»Aber ich gehe seit Jahr und Tag den gleichen Weg und ich hab seit zwei Wochen jeden Tag den Franz da drunten arbeiten gesehen und selbstverständlich schau ich auch diesmal hinunter, ob er wieder da ist. Er hat immer eine blaue Arbeitshose angehabt. Und irgendwie hab ich da diese Hose im Gras liegen gesehen.«
    »Also die Leiche haben Sie vom Weg aus nicht gesehen.«
    »Nein, nein, ich glaube, vom Weg aus noch nicht. Aber ich hab gesehen, dass da was ist. Es verändert sich ja sonst nichts im Wald. Das kommt ganz selten vor, dass da irgendwas herumliegt.«
    »Da sind Sie dann sofort hinunter nachschauen.«
    »Ja.«
    »Aber dass da, wo gearbeitet wird, etwas herumliegt, etwas liegen bleibt, ist doch nicht ungewöhnlich.«
    »Für unsereinen schon. Wir halten den Wald sauber. Wenn da was herumliegt, gehen wir nachschauen.«
    »Und da war's der tote Kreuziger.«
    »Ja«, sagte sie mit sehr dünner Stimme.
    »Nicht, dass ich Ihre Version bezweifle, Frau Mühlbacher, aber ich kann mich an keine blaue Hose erinnern, die ich vom Weg aus gesehen hätte. Aber wir werden die Sache einfach rekonstruieren, dann wissen wir's.«
    Sie nickte.
    »Gut, und dann?«
    »Und dann, ja, dann bin ich hinunter zur Leiche. Ich hab schon auf dem Weg hinunter gefühlt, dass da was nicht stimmt.«
    »Gefühlt haben Sie das? Einfach gefühlt, gerochen haben Sie nichts, Blut zum Beispiel?«»Der Geruch kam dann, Herr Wachmann, aber zuerst hab ich so ein schreckliches Gefühl im Bauch gehabt.«
    »Wissen Sie, wie frische Leichen riechen?«
    »Nicht, wie Leichen riechen, aber wir haben doch früher, bevor mein Vater alles verkauft hat, eine große Bauernwirtschaft gehabt. Ich bin aufgewachsen mit dem Schlachtgeruch.«
    »Und dann haben Sie ihn da liegen gesehen.«
    »Ja«, sie bedeckte das Gesicht mit den Händen.
    »Sind Sie lange bei der Leiche geblieben?«
    »Ich weiß es nicht«, sagte sie in die Hände hinein, dann legte sie sie wieder auf den Tisch. »Ich bin dagestanden, bis ich Angst bekommen hab.«
    »Angst haben Sie bekommen?«
    »Ja, neben so einer Leiche. Ich hatte das Gefühl, der Mörder ist in der Nähe.«
    »Wieder so ein Gefühl?«
    »Ja, aber gesehen habe ich niemanden. Dann bin ich schnell hinaus aus dem Wald. Wie ich bei Annas Haus vorbeikomm, denk ich mir, ich muss es der Anna sagen, und läut bei ihr an. Und nichts. Ich hab eine Zeitlang gewartet und war froh, dass sich nichts gerührt hat, weil ich hätt gar nicht gewusst, wie ich es ihr sagen soll.«
    »Die Anna hat erzählt, Sie hätten nervös mit einem Stock gegen ihre Tür geschlagen und ihren Namen gerufen.«
    »Wirklich? Hat sie das gesagt?«
    Ich antwortete nicht, sie überlegte.
    »Dann hat sie sich getäuscht.«
    »Wie kann sie sich dabei getäuscht haben? Wissen Sie, wo sie gewesen ist zu diesem Zeitpunkt?«
    »Nein.«
    »Im Bad, und das ist nicht weit von der Haustür entfernt. Sie hat gesagt, Sie hätten wild an die Tür geklopft und so laut ihren Namen gerufen, dass sie nicht aufgemacht hat, aus Angst. Hätten Sie nur geklingelt, dann hätte sie aufgemacht.«
    »Aber ich habe wirklich nur geklingelt.«
    »Sonderbar.«
    »Das hat sie Ihnen vielleicht falsch erzählt, die Anna verwechselt oft was.«
    »Wenn nur Sie bei der Wahrheit bleiben.«
    »Ja«, sagte sie bedrückt.
    »Sie sind dann nach Hause gegangen, haben bei uns angerufen und wenig später sind wir dann gekommen.«
    »Das Warten auf das Auto ist mir wie eine Ewigkeit vorgekommen.«
    »Waren Sie überrascht, den Mannlechner am Tatort anzutreffen? Der war ja dann dort.«
    »Überrascht?«, fragte sie verwirrt. »Ja und nein. Man trifft den mit seiner Zeichenmappe ja an den unmöglichsten Orten. Einmal, das war viel tiefer drinnen im Wald, hab ich ihn auf einem Baum sitzen gesehen. Hoch oben.«
    »Soso. Mögen Sie den Mannlechner?«
    »Wie meinen Sie das?«
    »Ich meine, haben Sie was gegen ihn?«
    »Nein, aber ich hab nie länger mit ihm geredet. So vom Sehen her kenn ich ihn eigentlich immer schon. Er ist ja studieren gegangen, und wie er ins Dorf zurückgekommen ist, war er schon fast im mittleren Alter. Ich hab ihn nie richtig kennengelernt.«
    »Aber man grüßt sich.«
    »Natürlich. Aber was hat das mit dem Mord zu tun?«
    »Als wir zusammen zur Leiche gekommen sind, haben Sie und der Mannlechner keinen Gruß ausgetauscht.«
    »Aber schauen Sie, wenn eine Leiche auf dem Boden liegt vor einem, dann kann es schon sein, dass man ver- gisst, >Grüß Gott< zu sagen und >Wie geht es Ihnen<.«
    »Und da

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