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Joel 3 - Der Junge der im Schnee schlief

Joel 3 - Der Junge der im Schnee schlief

Titel: Joel 3 - Der Junge der im Schnee schlief
Autoren: Henning Mankell
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Kurz bevor der Schnee lautlos zu fallen beginnt…

    Von Joel ist schon früher erzählt worden. Wie er in einem kleinen Ort in Norrland aufwächst. Das war in den fünfziger Jahren. Schon so lange her. Und doch wieder nicht so lange. Er wächst in einem Haus mit knackenden Wänden auf, nah an einem Fluss mit klarem Wasser, der in das Meer fließt, das Joel noch nie gesehen hat. Er wohnt zusammen mit seinem Vater, Papa Samuel, dem stillen Waldarbeiter, der einmal Seemann gewesen ist und sich immer noch aus den düsteren Wäldern fortsehnt, zum Meer, der es aber nie geschafft hatte aufzubrechen. Sie leben immer noch zusammen, Joel Gustafsson und sein Vater. Und sie träumen beide von Mama Jenny, die eines Tages einfach verschwunden ist. Die ihren Koffer genommen hat und ihrer Wege gegangen ist. Irgendwo gibt es sie. Aber sie ist fort, sie überließ es den beiden, sich umeinander zu kümmern. Und niemand weiß mehr, wo sie ist. Die Tannenwälder stehen still da.
    Einmal hat Joel einen Hund durch die dunkle, kalte Winternacht laufen sehen. Irgendetwas hatte ihn aus dem Traum gerissen. Er kroch auf die Fensterbank und plötzlich sah er den Hund da draußen in der Nacht. Auf leisen Pfoten bewegte er sich auf ein unbekanntes Ziel zu. Einen Augenblick tauchte der Hund vor Joels Augen auf. Und dann war er wieder fort.
    Diesen Hund kann Joel nicht vergessen. Wohin war er unterwegs? Woher ist er gekommen? Wohin ist er selbst unterwegs? Der Hund kommt nie wieder. Joel findet nie mehr Spuren im Schnee.
    Diesen Winter des Hundes wird Joel nie vergessen. Denn in jenem Winter hat er begriffen, dass er niemand anders ist als er selbst. Joel wächst und wird älter. Er wird dreizehn, und eines Tages wird er von einem Bus überfahren und überlebt es wie durch ein Wunder. Ein Wunder ist etwas sehr schwer Begreifliches. Plötzlich wird alles andere viel wichtiger als der einsame Hund.
    Wachsen heißt zu fragen, erwachsen zu werden heißt, langsam alles zu vergessen, was man als Kind gefragt hat. Das hat er begriffen. Und so ein Erwachsener will er nicht werden. Immer öfter sucht er die Gesellschaft der nasenlosen Gertrud. Sie, die in einem merkwürdigen Haus am südlichen Flussufer wohnt, auf der anderen Seite der bedrohlichen Eisenbahnbrücke. Mit Gertrud teilt er viele Geheimnisse. Eine große Freude. Aber auch Trauer und Enttäuschung.
    Die Zeit will nicht stehen bleiben.
    Sie läuft weiter. Tag für Tag, Monat für Monat. Aus dem schmelzenden Schnee sprießt neuer Frühling, wenn das Eis auf dem Fluss bricht und die Baumstämme wieder vorbeitreiben auf ihrem weiten Weg zum Meer. Es kommt noch ein Sommer, in dem die Mücken sirren und die Sonne nie müde wird zu leuchten. Es kommt wieder ein Herbst, in dem die Preiselbeeren reifen, die Blätter fallen und der Frost unter den Fahrradreifen knirscht. Denn Joel fährt Fahrrad, unablässig fährt er durch die Straßen auf der Jagd nach dem Unerwarteten. Vielleicht wartet es hinter der nächsten Ecke? Oder der nächsten? Oder der übernächsten?
    Jetzt wird Joel bald vierzehn. Im Augenblick liegt er in seinem Bett und schläft tief. Irgendwo drinnen in der Wand nah bei seinem Ohr knabbert eine Maus. Aber die hört er nicht. Was er träumt, weiß niemand.
    Draußen in der Nacht beginnt lautlos der Schnee zu fallen. Noch ist es lang bis zur Morgendämmerung.

1
    Joel ließ das Rollo mit einem Knall hochsausen. Es war, als ob er den neuen Tag mit einem Salut aus einer Kanone begrüßte.
    Verblüfft starrte er aus dem Fenster. Die Erde war ganz weiß. Wieder einmal war er hereingelegt worden.
    Der Winter kam immer dann geschlichen, wenn man es am allerwenigsten ahnte. Joel hatte schon im letzten Herbst beschlossen, dass das nie wieder passieren durfte. Bevor er abends schlafen ging, würde er entscheiden, ob es in der Nacht anfangen sollte zu schneien oder nicht. Das Problem war, dass man nicht hören konnte, wenn es schneite. Nicht wie Regen. Der trommelte aufs Blechdach des Fahrradständers unten auf dem Hof. Wenn die Sonne schien, war auch nichts zu hören. Aber dann veränderte sich das Licht. Und der Wind war am leichtesten von allem. Manchmal blies er so stark, riss und zerrte an den Wänden, dass es ein Gefühl war, als ob das Haus abheben wolle. Aber der Schnee kam geschlichen. Der Schnee war wie ein Indianer. Bewegte sich lautlos und kam, wenn man es am wenigsten ahnte.
    Joel sah aus dem Fenster. Jetzt war der Winter da. Ihm konnte man nicht entkommen. Und hereingelegt worden war

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