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Jenseits der Finsternis

Jenseits der Finsternis

Titel: Jenseits der Finsternis
Autoren: Michael Nagula
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Vorwort
     
    Jede Literatur entzündet sich an der Gegenwart, und doch meinen viele, nur weil sie die Zukunft beschriebe, wäre es in der Science-fiction nicht so. Aber wer sagt, was er von der Zukunft erwartet, sagt gleichzeitig, was er von der Gegenwart denkt. Damit wird Science-fiction zu einer Literatur der Inhalte, die sich gerade mit jenen Bereichen menschlichen Denkens und Handels befaßt, die weit über das übliche Maß von Spannungsliteratur hinausgehen.
    Eine Voraussetzung bleibt davon freilich unberührt: Science-fiction muß spannend sein. Dazu braucht es jedoch keinen vordergründigen Aktionismus, sondern es genügt eine Geschichte, die facettenreich unsere Wirklichkeit widerspiegelt. Das kann durchaus in Distanz zu den gängigen Klischees geschehen und wird immer dann besonderes Interesse erwecken, wenn der Mensch in seiner ganzen Komplexität im Mittelpunkt steht.
    Eine seltsame Auffassung von Science-fiction? Ich finde, daß Geschichten über Konflikte, Maßnahmen und Chancen des einzelnen eine Fülle von Anregungen bieten. Sie müssen nicht auf die Zukunft deuten, obwohl das meistens der Fall ist. Man kann sich die Zukunft auch hinzudenken und eigentlich die Gegenwart meinen, um so etwas über das Ausmaß der eigenen Möglichkeiten zu erfahren.
    Science-fiction ist eine Literatur, die Fragen stellt: nach der Umweltverschmutzung, nach dem technologischen Fortschritt, letzten Endes nach dem Zustand der Welt. Sie ist eine Mahnliteratur, die unterhalten will, damit ihre Mahnungen gehört werden. Dabei geht es nicht darum, ein düsteres Panorama der Zukunft zu zeichnen, sondern die verwirrenden Zusammenhänge aufzudecken, in die das menschliche Leben eingebettet ist.
    Eine Reihe von Autoren aller Altersstufen richtet sich langsam auf diese Haltung ein. Wenn man so will, bemüht sie sich um den Einklang mit der Psychologie ihrer Zeit. Auch – vielleicht gerade – in der deutschen Science-fiction ist diese Tendenz spürbar. Der Glaube daran wächst, daß man lernen muß, in der Zukunft zu leben und auf diese Zukunft zu. Denn schließlich gibt es keine Alternative für unsere Welt.
    Das am tiefsten greifende Thema bleibt dabei stets der Mensch. Es geht um seine Situation, den Ausdruck seines Seelenlebens, auch wenn die Geschichten im All oder auf fremden Planeten spielen. Längst hat die Science-fiction aufgehört, die Literatur einer blasterschwingenden Minderheit zu sein. Nach wie vor ist sie Unterhaltung, aber sie will zu uns sprechen. Und wir geben ihr Antworten, wenn nicht mit Worten, so doch in unseren Gedanken und Taten.
    Dieses Buch hält keine Rezepte dafür bereit. Wie könnte es das? Es bietet Spekulationen an, weist auf die Sachzwänge der Gegenwart hin, vor allem, wenn es um Atomtod und Datenmißbrauch geht. Oft fördert das ein reichlich tristes Bild zutage. Das war nicht beabsichtigt, es hat sich einfach ergeben. Betrachten wir die Geschichten aber näher, dann stellen wir fest: Jenseits der Finsternis, in die unsere Zukunft gehüllt zu sein scheint, verbirgt sich noch etwas anderes – so etwas wie niemals endende Zuversicht.
    Hofheim, im August 1984
    Michael Nagula
     

 
N ORBERT F ANGMEIER   Am Rand des anderen Lebens
     
    Schomon erwachte, als das Oberteil seines Bettes sich aufrichtete. Eine Stimme sagte: »Es ist Essenszeit, Herr Schomon.«
    Er hörte das leise Summen des Servierautomaten und spürte gleich darauf das Gewicht eines Tabletts auf seinen Beinen.
    »Darf ich Ihnen helfen, Herr Schomon?« fragte die Maschine; Schomon wandte den Kopf, um sie anzuschauen; mit einer fahrigen Bewegung führte er eine Hand zum Gesicht, als wolle er die Dunkelheit fortwischen wie eine Schmutzschicht. Er betastete einen Augenblick lang die rauhe Oberfläche der Bandagen, die dort waren, wo Augen hätten sein müssen, dann streckte er den Arm aus und schleuderte das Tablett vom Bett. Scheppernd schlug Plastik auf Plastik.
    »Laßt mich in Ruhe«, stieß er hervor, beugte sich schnell zur Seite und suchte mit der Rechten das Abstellbord neben dem Bett. Als seine Finger die glatte Form des Pillenfläschchens ertastet hatten, ließ er sich zurück ins Bett fallen, dessen Oberteil sich summend wieder senkte. Er schüttete den Inhalt des Röhrchens in die Hand und zählte die Pillen ab; es waren nicht viele, und er schluckte sie alle.
    Aufseufzend entspannte er sich und wartete, bis das Schlafmittel zu wirken begann.
     
    Schomon erwachte erneut, als er aus dem Bett stürzte. Er schlug dumpf auf

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