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Jenseits der Finsterbach-Brücke

Jenseits der Finsterbach-Brücke

Titel: Jenseits der Finsterbach-Brücke
Autoren: Antonia Michaelis
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Goldlicht
    D as Erste, was ich an jenem Morgen sah, war das goldene Licht.
    Auf dem Norderhof gab es ein ganz eigenes Licht, leicht und luftig wie Stoff für Gardinen. Es war wohl das Erste, was ich überhaupt gesehen habe auf der Welt.
    Ich blinzelte und setzte mich im Bett auf.
    Vor dem Fenster hatte das goldene Licht gerade erst begonnen zu werden. Die Sonne hing noch nicht lange am Himmel und die Zeiger meiner Uhr standen schläfrig auf fünf Minuten vor fünf.
    »Ein perfekter Tag«, flüsterte ich und schlüpfte in meine Kleider. »Viel zu schade, um noch einmal einzuschlafen. Bis gewisse Väter aufwachen, kann man eine Menge tun.«
    Ich schlich auf Socken die Treppen hinunter und durchs Wohnzimmer. Auf dem Klavier standen noch die Noten, die Flint, der gewisse Vater, gestern Abend gespielt hatte. Das Goldlicht malte Muster darauf. Auf dem Klavierhocker lag Flints Wollpullover und darauf schlief die graue Katze. Als ich vorbeikam, öffnete sie ein Auge, sah, dass ich nicht das Frühstück war, und schloss das Auge wieder.
    Am Fuß der nächsten Treppe stieg ich in meine Stiefel und öffnete die Haustür. Vielleicht würde ich in Flints Werkzeugschuppen gehen, wo es von Schrauben und Elektrodrähten nur so wimmelte und wo man alles anfassen und alles benutzen durfte. Denn dazu war es da, sagte Flint. Oder ich würde auf den Dachboden des Stalls klettern und durch das große Fernglas sehen, ob sich im Wald etwas tat.
    Nein, dachte ich dann. Zuerst würde ich die Schafe besuchen. Ein paar der Schafe hatten Junge: ein Haufen winziger wolliger weißer Lämmer. Und wenn man sich anständig benahm, erlaubten einem die Schafe, die Wollknäuel auf den Arm zu nehmen.
    Die Tauben gurrten verschlafen, als ich an ihrem Verschlag vorbeiging. Im Stall schnaubten mir die Pferde entgegen.
    Ganz vorne stand ein schwarzer Hengst; das war Flints Pferd, das schnellste Pferd vom Norderhof. Dahinter standen Südwind und Ostwind und Westwind. Südwind gehörte Johann und Ostwind Almut, von denen ich noch erzählen werde. Westwind aber war mein Pferd, meines ganz allein. Er war milchkaffeebraun und hatte eine weiße Blesse auf der Stirn. Wie ein Klecks Sahne. Ich kletterte ohne Sattel auf seinen Rücken und er trabte mit mir den Weg am Waldrand entlang, wobei ich mich ducken musste, um den tief hängenden Ästen auszuweichen. Um uns lärmten tausend Vögel und alles war wunderschön. Doch damals wusste ich noch nicht, dass es schön war. Denn ich kannte das Andere nicht, das Dunkle, Kalte, Hässliche.
    Noch kannte ich es nicht.
    Ich dachte, alle zwölfjährigen Jungen würden morgens vom goldenen Licht erwachen und nach ihren Schafen sehen. Ich dachte, alle Jungen hätten einen Vater, der abends Klavier spielte und mit ihnen im Werkzeugschuppen Maschinen baute und Ferngläser auf dem Stalldachboden anbrachte, durch die man nachts die Sterne ansehen konnte. Und alle Jungen hätten ein Pferd wie Westwind und alle Jungen wohnten in alten Gutshäusern mit Türmen und Kaminfeuern und großen, hellen Fenstern.
    Nein, wenn ich jetzt darüber nachdenke: So dumm kann ich nicht gewesen sein. Niemand ist mit zwölf Jahren so dumm. Herr Marksen, der uns auf dem Norderhof unterrichtete, hatte uns vom Leben der Leute in anderen Ländern erzählt. Und ich muss wohl geahnt haben, dass die meisten Leute in diesem Land auch anders lebten als wir. Aber ihr Leben schien so unendlich, unfassbar weit weg.
    Der Norderhof lag mitten in einem riesigen Wald. Das war der Norderwald. Vom Hof aus führte nach Westen eine Straße, nach Osten führte nichts. Dort war irgendwo eine hohe Mauer und dahinter, sagte Flint, lag vermintes Gebiet aus dem Krieg, wohin man besser nicht ging, wenn man nicht in die Luft fliegen wollte.
    Es gab nur vier Häuser auf dem Hof – das Gutshaus, das Haus von Frentje, unserer Köchin, dann das Haus von Lehrer Marksen und zum Schluss das kleine Haus von Johann. Johann war unser Hufschmied und Kutscher und eigentlich auch unser Schäfer.
    »Ich bin wohl euer Mädchen für alles, wie?«, knurrte erimmer in seinen Bart, aber er meinte es nicht böse. Er war gerne unser Mädchen für alles.
    Keiner von uns Kindern hatte jemals den Norderwald verlassen. Wenn die Erwachsenen es taten, nahmen sie uns nicht mit. Einmal war ich selbst auf Westwind die Straße entlanggeritten, aber sie war so lang und so langweilig, dass ich irgendwann aufgegeben hatte und umgekehrt war. Flint sagte immer, eines Tages würde er mir die Welt da draußen schon

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