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Im Wahn - Moody, D: Im Wahn - Hater

Titel: Im Wahn - Moody, D: Im Wahn - Hater
Autoren: David Moody
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Donnerstag

    I
    Simmons, Filialleiter einer Kette von Edel-Discountläden, steckte das Wechselgeld in die Tasche, faltete die Zeitung fein säuberlich in der Mitte und klemmte sie sich unter den Arm. Er sah kurz auf die Uhr, bevor er das Geschäft verließ und wieder eins wurde mit der anonymen Masse der Einkäufer und Büroangestellten, die sich draußen auf den Bürgersteigen der Stadt drängten. Unterwegs ging er im Geiste seinen Terminplan durch. Wöchentliche Verkaufssitzung um zehn, geschäftliche Besprechung mit Jack Staynes um elf, Mittagessen mit einem Lieferanten um halb zwei …
    Als er sie sah, blieb er stehen. Zuerst war sie nur ein beliebiges Gesicht auf der Straße, unauffällig und unscheinbar und so irrelevant für ihn wie alle anderen auch. Aber an dieser speziellen Frau kam ihm etwas anders vor, das ihn mit Unbehagen erfüllte. Binnen eines Sekundenbruchteils verschluckte die Menschenmenge sie wieder. Er hielt nervös nach ihr Ausschau und versuchte, sie in der stetig wechselnden Masse von Gestalten wiederzufinden, die emsig um ihn herumwogte. Da war sie. Durch eine Lücke in den Menschenmassen sah er, dass sie direkt auf ihn zukam. Kaum größer als einen Meter fünfundsechzig, vornübergebeugt und in einem verblassten roten Regenmantel. Das drahtige grauweiße Haar verbarg sie unter einer durchsichtigen Plastikregenhaube, und sie starrte ihn durch die dicken Gläser ihrer großen Brille an. Sie musste mindestens achtzig sein, schätzte
er, als er ihr runzliges Gesicht voller Leberflecken sah – warum sollte sie also eine Gefahr darstellen? Er musste rasch handeln, bevor sie wieder verschwand. Verlieren durfte er sie auf keinen Fall. Er stellte zum ersten Mal direkten Blickkontakt mit ihr her und wusste sofort, dass er handeln musste. Ihm blieb keine andere Wahl. Er musste es tun, und zwar auf der Stelle.
    Simmons ließ Zeitung, Aktentasche und Schirm fallen, drängte sich durch die Menge, streckte die Hände aus und packte sie an den breiten Aufschlägen ihres Regenmantels. Ehe sie reagieren konnte, wirbelte er sie einmal fast vollständig um ihre eigene Achse und schleuderte sie in Richtung des Gebäudes, das er gerade verlassen hatte. Ihr gebrechlicher Körper war federleicht, daher flog sie förmlich über den Bürgersteig und berührte kaum den Boden mit den Füßen, bis sie gegen das dicke Sicherheitsglas des Schaufensters prallte und auf die Straße zurückgeschleudert wurde. Vor Schmerz und Überraschung lag sie wie gelähmt mit dem Gesicht nach unten auf dem kalten, regennassen Asphalt und schien vor Schreck zu keiner Bewegung fähig. Simmons drängte sich zu ihr durch, manövrierte sich durch eine Gruppe besorgter Passanten, die sich bückten, um ihr zu helfen. Er achtete nicht auf deren erboste Einwände, zerrte die Frau auf die Füße und stieß sie wieder Richtung Schaufenster, sodass ihr Kopf nach hinten geschleudert wurde, als sie zum zweiten Mal gegen das Glas prallte.
    »Was zum Teufel machen Sie da, Sie Idiot?«, schrie ein entsetzter Schaulustiger, packte Simmons am Ärmel und wollte ihn wegziehen. Simmons drehte sich um und wand sich aus dem Griff des Mannes. Er stolperte und landete auf Händen und Knien im Rinnstein. Sie stand nur wenige Schritte von ihm entfernt immer noch auf den Füßen. Er sah sie zwischen
den Beinen der anderen Leute hindurch, die sich um sie scharten.
    Simmons schenkte dem Heulen und erbosten Brüllen, das ihm in den Ohren dröhnte, keinerlei Beachtung, erhob sich hastig und nahm sich nur kurz die Zeit, den Regenschirm aufzuheben und die Brille wieder auf der Nase nach oben zu schieben. Er hielt den Schirm wie ein Gewehr mit Bajonett vor sich und stürmte abermals auf die Frau los.
    »Bitte …«, flehte sie, als er das spitze Ende des Schirms tief in ihren Magen stieß und wieder herauszog. Sie sackte gegen das Fenster und hielt die Hände an den Bauch, während die bestürzte und fassungslose Menschenmenge Simmons hastig umzingelte. Zwischen den Leuten hindurch sah er, dass ihre Beine sie nicht mehr trugen und sie auf dem Boden zusammenbrach, während Blut aus der tiefen Wunde floss.
    »Irrer!«, schrie ihm jemand ins Ohr. Simmons wirbelte herum und stieß in die Richtung, von wo die Stimme kam. Gro ßer Gott, noch einer! Der war genau wie die alte Frau. Und da noch einer, und noch einer … und alle drängten sich mittlerweile um ihn. Er blickte hilflos in das Meer aufgebrachter Gesichter, die ihn umgaben. Alle sahen sie gleich aus. Jedes einzelne

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