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Geheime Melodie

Geheime Melodie

Titel: Geheime Melodie
Autoren: John le Carré
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    Mein Name ist Bruno Salvador. Meine Freunde nennen mich Salvo, meine Feinde ebenso. Entgegen anderslautenden Behauptungen bin ich ein unbescholtener B ürger des Vereinten Königreichs und Nordirlands, von Beruf Konferenzdolmetscher für Swahili und die weniger bekannten, aber weitverbreiteten Sprachen des Ostkongo, vormals Teil von Belgisch-Kongo, daher auch meine Beherrschung des Französischen, ein weiterer Pfeil in meinem Köcher. Meine Dienste sind an den Londoner Zivil- und Strafgerichten so regelmäßig gefragt wie auf Dritte-Welt-Konferenzen jedweder Art, siehe meine erstklassigen Referenzen von führenden Konzernen unseres Landes. Meinen besonderen Fertigkeiten verdanke ich außerdem die Ehre, meine patriotische Pflicht gegenüber einer Behörde erfüllen zu dürfen, deren Existenz routinemäßig geleugnet wird. Ich bin nie mit dem Gesetz in Konflikt geraten, ich zahle gewissenhaft meine Steuern, ich bin kreditwürdig und habe ein gutes Standing bei meiner Bank. Dies sind unumstößliche Fakten, an denen kein noch so hohes Maß an bürokratischer Manipulation etwas ändern wird.
    In sechs Jahren ehrlicher Arbeit in der Wirtschaftswelt – ob nun bei Telefonkonferenzen mit ihren obligatorischen verbalen Eiertänzen oder bei diskreten Zusammenkünften in neutralen Städten auf dem euro p äischen Kontinent – ist mein Können der kreativen Beeinflussung der Öl-, Gold-, Diamanten-, Mineralien-und anderer Rohstoffmärkte zugute gekommen, ganz zu schweigen von den Millionen von Dollar, die es vor den neugierigen Augen der Aktionäre auf Nummernkonten an so entlegenen Orten wie Panama, Budapest oder Singapur zu retten galt. Fragt man mich, ob mir bei meiner Mithilfe bei solchen Transaktionen das Gewissen schlägt, so ist meine Antwort ein dezidiertes »Nein«. Die Berufsehre des Spitzendolmetschers läßt derlei nicht zu. Er wird nicht dafür bezahlt, seinen Skrupeln zu frönen. Er ist seinem Auftraggeber in derselben Weise verpflichtet wie ein Soldat seiner Fahne. Als Geste gegenüber den Benachteiligten dieser Welt habe ich es mir jedoch zur Gewohnheit gemacht, mich unentgeltlich den Londoner Krankenhäusern, Gefängnissen und Einwanderungsbehörden zur Verfügung zu stellen, auch wenn die Aufwandsentschädigung in diesen Fällen kläglich ist.
    Im W ählerverzeichnis stehe ich unter Norfolk Mansions Nr. 17, Prince of Wales Drive, Battersea, South London – eine Eigentumswohnung in bester Lage, die zum Teil mir gehört und zum größeren Teil meiner mir gesetzlich angetrauten Ehefrau Penelope (um Gottes willen nicht »Penny«!), einer hochkarätigen Oxbridge-Journalistin, vier Jahre älter als ich und mit ihren zweiunddreißig Jahren ein aufsteigender Stern am Firmament eines großen britischen Boulevardblattes, das die Meinung von Millionen bildet. Penelopes Vater ist Seniorpartner einer Londoner Nobelkanzlei, Penelopes Mutter gibt in ihrem Tory-Ortsverein den Ton an. Wir haben vor f ünf Jahren geheiratet, aufgrund gegenseitiger körperlicher Anziehung sowie mit dem einvernehmlichen Ziel einer Schwangerschaft, sobald ihre Karriere es zuließe, da fester Bestandteil meiner Lebensplanung die Gründung einer stabilen Kernfamilie nach konventionellem britischem Vorbild war. Der geeignete Zeitpunkt hat sich jedoch nicht ergeben, was mit ihrem rasanten Aufstieg bei der Zeitung zu tun hat, aber auch mit anderen Dingen.
    Unsere Verbindung war nicht in jeder Hinsicht orthodox. Penelope ist die ältere Tochter einer angesehenen weißen Familie aus Surrey, Bruno Salvador alias Salvo der ungeplante Sohn eines gewöhnlichen irischen Missionars und eines kongolesischen Dorfmädchens, dessen Name in den Wirren der Kriege und Zeiten für immer verlorengegangen ist. Um es genauer zu sagen: Ich kam hinter den verschlossenen Pforten eines Kar-melitinnenklosters in der Stadt Kisangani zur Welt, dem damaligen Stanleyville, entbunden von Nonnen, die ewiges Stillschweigen gelobt hatten, was für jeden außer mir komisch, surreal oder frei erfunden klingt. Für mich jedoch ist es eine schlichte biologische Wahrheit, wie es das für jeden wäre, der als Zehnjähriger in einem Missionshaus im tiefgrünen Hochland von Süd-Kivu im östlichen Kongo am Bett seines frommen Vaters sitzen und dessen schluchzender Beichte lauschen mußte, hervorgestoßen halb im Französisch der Nor-mandie, halb in Ulster-irischem Englisch, dieweil tropische Regengüsse wie Elefantenfüße auf das grüne Blechdach trommelten und über seine fieberhohlen

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