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Die Tochter des Münzmeisters

Die Tochter des Münzmeisters

Titel: Die Tochter des Münzmeisters
Autoren: Marion Henneberg
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PROLOG
    Auf dem Gut des Vogts der Goslarer Pfalz
    Anfang Oktober im Jahre des Herrn 1056
    H e, mach das Tor auf!«
    Esiko sprang auf und stieg hastig auf einen Eimer. Der Blick zum Tor blieb dem jungen Bergmann versperrt, da er vom Keller aus nur einen kleinen Ausschnitt des Hofes sehen konnte. Wieder hörte er einen harschen Befehl, vermochte die Stimme aber nicht zuzuordnen.
    »Öffne das Tor, oder euer Vogt hat nur noch einen Sohn!«
    Esiko zuckte zusammen und presste den Kopf gegen die Gitterstäbe, doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte einfach nichts erkennen. Wütend schlug er mit der flachen Hand gegen die Mauer neben der vergitterten Fensteröffnung. Der Schweiß lief ihm vor lauter Anstrengung über das Gesicht, und einzelne Strähnen seiner blonden, halblangen Haare klebten auf Wangen und Hals. Gleich darauf hörte er, wie das schwere Tor geöffnet wurde und schnelle Schritte über den Hof eilten. Für einen kurzen Augenblick sah er ein paar Beine, die in derben grauen Wollhosen steckten, und nahm an, dass es sich um einen von Gottwalds bewaffneten Männern handelte, wobei er auf Christian tippte. Er hatte den Gedanken kaum zu Ende gebracht, da preschtenauch schon mehrere Pferde in den Hof. Das Donnern der Hufe vermischte sich mit dem Toben des Windes, und fast wäre Esiko dadurch entgangen, dass sie das Tor wieder schlossen.
    Mindestens fünf Pferde konnte er ausmachen, und die Reiter, die fast gleichzeitig zu Boden sprangen, trugen allesamt schwere Lederstiefel.
    Ein Paar davon hätte Esiko unter hundert anderen erkannt.
    Nur mit Mühe konnte er seine Wut zügeln, als er die gedrungene und massige Gestalt von Azzo mit einem Blick erfasste. Der finstere Geselle war der Scherge Burchards von Hanenstein, dem abgewiesenen Verehrer seiner geliebten Hemma. Auch wenn er die Personen bloß von den Knien abwärts sah, so stachen ihm die schweren schwarzen Stiefel mit der silbernen Schnalle sofort ins Auge. Damit hatte Azzo ihn vor ein paar Monaten derbe getreten, und der Rohling schien sich auch in den Sommermonaten nicht davon zu trennen.
    »Einer ans Tor, zwei dorthin, und ihr kommt mit mir!«
    Scharf erklang der Befehl, und Esiko erkannte nun auch die Stimme Burchards wieder. Inbrünstig betete er darum, dass Hemma sich noch verstecken konnte, aber im selben Moment erblickte er starr vor Schreck ihre knöchelhohen, einfachen braunen Schlupfschuhe, die sie im Haus so gern trug. So auch am vergangenen Abend, als Hemma ihn aufgesucht hatte. Ihre Füße standen dicht vor denen eines Mannes, und Esiko vermutete, dass die braunen Stiefel zu Burchard gehörten. Anhand der Haltung konnte er erkennen, dass Hemma mit dem Rücken zu ihm stand.
    »Bring ihn ins Haus und binde ihn irgendwo fest. Der Knebel bleibt am besten drin, sonst schreit er uns nochalles zusammen. Das kleine Kerlchen hat eine kräftige Stimme. Aber das liegt wohl in der Familie, nicht wahr, mein Täubchen?«
    Die erstickte Antwort ließ Esiko vor Wut fast wahnsinnig werden. Er sprang von dem Eimer, der ihm als Tritt diente, und lief zur Tür. Doch so sehr er auch daran rüttelte, sie blieb verschlossen.
    Gottwald trieb seinen Hengst gnadenlos an, genau so wie die Sorge um seine Familie ihn antrieb. Die anderen fünf Begleiter hatten Mühe mitzukommen, denn sein Fuchshengst Rufulus war um einiges ausdauernder und kräftiger als die anderen Pferde. Besonders die Stute seines Knappen Randolf fiel deutlich zurück, und einer seiner Männer blieb auf den Befehl von Hemmas Vater hin an der Seite des Knappen. In der Dämmerung fanden die Männer ihren Weg nur noch mit Mühe, und der Vogt der Goslarer Pfalz hoffte, dass sie die Burg vor Einbruch der Dunkelheit erreichten. Mit seiner behandschuhten Hand fuhr er sich kurz über die müden Augen. In den letzten Nächten hatte er kaum geschlafen. Erst die Wache am Bett des todkranken Kaisers und dann, nach dessen Tod, die Trauerwache.
    Heinrich hatte noch ein paar Worte mit seinem Vogt wechseln können, doch Gottwalds Frage nach dem Brief mit dem verleumderischen Inhalt blieb unbeantwortet, da der Kaiser immer wieder in einen unruhigen Fieberschlaf gefallen war. Heinrich hatte vor seinem Ableben noch schnell alles geregelt, sofern das möglich war. Etwa erwies es sich als äußerst beruhigend, dass Papst Viktor ebenfalls anwesend war. Der Kaiser legte vor seinem Tod ein umfangreiches Sündenbekenntnis ab und bekräftigte im Beisein des Heiligen Vaters nochmals den Wunsch, seinem sechsjährigen Sohn das

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