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Die Rekonstruktion des Menschen

Die Rekonstruktion des Menschen

Titel: Die Rekonstruktion des Menschen
Autoren: Erik Simon (Hrsg)
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Die Rekonstruktion des Menschen
Phantastische Geschichten
     
    Herausgegeben von Erik Simon
Verlag Das Neue Berlin

    ISBN 3-360-00846-5
1. Auflage dieser Abgabe
© Verlag Das Neue Berlin, Berlin 4 1988 (1980) Lizenz-Nr.: 409-1604247/89 • LSV 7204

    Umschlagentwurf: Schulz/Labowski Printed in the German Democratic Republic Lichtsatz: Karl-Marx-Werk Pößneck V15/30
    Druck und buchbinderische Verarbeitung: Grafischer Großbetrieb Völkerfreundschaft Dresden 622 846 500750
ISBN 3-360-00846-5

    Was geschieht, wenn es möglich wird, die
Eigenschaften und Talente von Kindern schon vor der Geburt festzulegen?
Wenn Körper und Gedächtnis des Menschen beliebig oft
regeneriert werden können? Wenn das Altern abgeschafft wird? Wenn
es die Wissenschaft vermag, den menschlichen Organismus einer
zielgerichteten Rekonstruktion zu unterziehen, die von der Natur
vorgegebene Physis zu rationalisieren, sie den Erfordernissen einer
technischen Umwelt anzupassen? Wenn durch gelenkte Mutationen Tiere
gleichsam vermenschlicht werden?
    Polnische, sowjetische und tschechische Autoren fragen in Geschichten von Kyborgs, Mutanten und unsterblichen,
von synthetischen Menschen und vernunftbegabten Tieren nach Kriterien
für Menschlichkeit und Menschsein. 

Stanislaw Lem
Die Rekonstruktion der Gattung ∗
Einleitung
    Vor mehreren Millionen Jahren setzte mit der
heraufziehenden Eiszeit eine Abkühlung ein. Es wuchsen die Berge,
die Kontinente hoben sich, die Urwälder machten wegen der
zunehmenden Trockenheit grasigen Ebenen Platz. In dem Maße, wie
die Steppe sich ausbreitete, schrumpfte das Lebensmilieu jener
vierhändigen Waldtiere, die infolge ihres Lebens auf den
Bäumen eine hervorragende Präzision der Handbewegungen
entwickelt hatten, bei denen der Daumen sich den übrigen Fingern
gegenübergestellt hatte und die Augen zum wichtigsten
Orientierungsorgan geworden waren, während sie durch ihre
Lebenswelt häufig – vermutlich häufiger als durch
andere Milieus – genötigt waren, eine aufrechte Haltung
einzunehmen. Zahlreiche Stämme stiegen von den Bäumen
herunter, die immer seltener wurden und immer weniger Schutz boten, um
auf den weiten Steppen ihre Kräfte zu erproben. Durch Verzicht auf
die aufrechte Haltung und das Gesicht, durch sekundäre Ausbildung
einer dem Hund ähnlichen Schnauze entstand der Pavian. Außer
ihm erhielt sich nur einer jener Experimentatoren, die ihren Wohnsitz
auf den Bäumen verließen, am Leben.
    ∗ Der folgende Text ist ein Auszug aus Stanislaw Lems erstmals 1964
erschienener »Summa technologiae«. Er steht dort am Beginn
des Kapitels »Pasquill auf die Evolution«.
    Nach der direkten Abstammungslinie des Menschen
wird man vergeblich suchen, denn der Versuch, auf die Erde
hinabzusteigen und auf zwei Beinen zu gehen, wiederholte sich
unzählige Male. Schließlich drangen die Anthropoiden, die
zwar noch unsicher auf zwei Füßen standen, aber neutral
schon an diese Haltung angepaßt waren, welche sich im Dickicht
des Dschungels ausgebildet hatte, in die Steppe vor, jene
voreiszeitliche ökologische Nische, in der vierfüßige
Pflanzenfresser weideten. Sie hatten bereits die Hand und das Auge des
Menschen, aber noch kein menschliches Gehirn. Die Konkurrenz
begünstigte dessen Wachstum. Zwar rivalisierten diese Tiere
miteinander, doch lebten sie in Gruppen. Eine eigentümliche
innersekretorische Veränderung verlängerte ihre Kindheit
bedeutend, jenen Zeitraum, während dessen man im Schutz der Gruppe
Erfahrungen sammeln konnte. Mimik und ausgestoßene Laute dienten
einer Verständigung, die sich später zur Sprache entwickeln
sollte. Wahrscheinlich haben die Urmenschen schon damals ein im
Vergleich zu den Anthropoiden bedeutend höheres Lebensalter
erreicht. Im Kampf ums Dasein überlebten nämlich jene
Gruppen, zu denen Individuen mit der größten Erfahrung
gehörten, und das waren die ältesten, die langlebigsten. Wohl
zum ersten Mal im Verlaufe der Evolution kam es zur Auslese einer
Gattung, die eine lange Altersperiode aufwies, denn zum ersten Male
erwies diese sich als biologisch wertvoll, nämlich als
Schatzkammer von Informationen.
    Der Prolog des Menschen bestand im Übergang
vom zufälligen, »äffischen« Gebrauch von
Werkzeugen zu deren Herstellung. Dieser Übergang ergab sich aus
der Fortführung der »äffischen« Technologie, mit
Steinen und mit spitzen Zweigen zu werfen, die den Anfang eines Wirkens
auf Distanz machte. Der Übergang zum Paläolithikum bedeutete
die Entstehung der ersten

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