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Die Kälte Des Feuers

Die Kälte Des Feuers

Titel: Die Kälte Des Feuers
Autoren: Dean R. Koontz
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Sie stellte einen feuerspeienden Drachen dar, und vermutlich reichte sie über den ganzen Arm. Schorf bedeckte die Fingerknöchel, vielleicht stammte er von einem Kampf.
    Jim schritt zum Flugsteig und überlegte, zu welcher Subkultur der Mann gehörte, wenn er nach der Arbeit die Uniform ablegte und zivile Kleidung anzog. Wahrscheinlich war er etwas so Banales wie ein Motorrad-Punker.
    Die Maschine startete, flog zunächst nach Süden und setzte Jim, der an einem Fenster Platz genommen hatte, dem gnadenlosen Glanz der Sonne aus. Dann drehte sie nach Westen und Norden ab, und Jim Ironheart sah das helle Strahlen nur noch als glitzernde Reflexe auf dem Meer. Es schien den Ozean in eine Masse aus brodelnder Lava zu verwandeln, die aus der Kruste des Planeten quoll.
    Nach einer Weile merkte Jim, daß er die Lippen zusammenpreßte. Er starrte auf die Armlehnen des Sessels und stellte fest, daß sich seine Finger wie die Klauen eines Adlers darum geschlossen hatten.
    Er versuchte, sich zu entspannen.
    Vor dem Flug fürchtete er sich nicht. Die Angst betraf Portland und den Tod, der dort in irgendeiner Form auf ihn warten mochte.

2
    An jenem Donnerstagnachmittag suchte Holly Thorne eine private Grundschule im westlichen Teil von Portland auf, um eine Lehrerin zu interviewen. Sie hieß Louise Tarvohl und hatte ein Buch mit Gedichten an einen großen Verlag in New York verkauft - eine bemerkenswerte Leistung, wenn man bedachte, daß sich die Poesie-Kenntnisse der meisten Leute auf die Lyrik von Popsongs und Reime in der Fernsehwerbung für Hundefutter, Achseldeodorants und Stahlgürtelreifen beschränkten. Ein Kollege kümmerte sich um Louises Schüler, so daß Holly mit der Dichterin sprechen konnte.
    Sie nahmen an einem Redwood-Picknicktisch auf dem Schulhof Platz. Holly setzte sich erst, nachdem sie die Bank abgewischt hatte - sie wollte vermeiden, daß Flecken auf ihrem weißen Baumwollkleid entstanden. Links erhob sich ein Klettergerüst, und rechts gab es mehrere Schaukeln. Es war ein angenehm warmer Tag, und die leichte Brise wehte den würzigen Duft von Douglastannen heran.
    »Riechen Sie das?« Louise holte so tief Luft, daß die Knöpfe ihrer Bluse nachzugeben drohten. »Es wird einem sofort klar, daß wir uns am Rand von fünftausend Morgen Grasland aufhalten, nicht wahr? Der Makel des Menschen hat diese Luft noch nicht verdorben.«
    Holly hatte einen Vorabdruck des Buches Seufzende Zypressen und andere Gedichte ausgehändigt bekommen, als ihr Tom Corvey, Redakteur der Unterhaltungsabteilung beim Portland Kurier, den Interviewauftrag gab. Sie bemühte sich, es zumindest interessant zu finden. Holly mochte es, erfolgreiche Menschen kennenzulernen, vielleicht deshalb, weil ihre Karriere als Journalistin eher unbefriedigend war und sie gelegentlich daran erinnert werden wollte, daß man tatsächlich Erfolg erringen konnte. Leider erwiesen sich die Gedichte als geistlos und unerträglich sentimental. Sie schienen von jemandem geschrieben worden zu sein, der Robert Lee Frost nacheiferte, ohne seinen Stil zu beherrschen. Und was die Bearbeitung des Manuskripts betraf … Der dafür zuständige Redakteur zeichnete sich offenbar durch das Feingefühl eines Menschen aus, der normalerweise Glückwunschkarten entwarf.
    Trotzdem beabsichtigte Holly, einen unkritischen Artikel zu verfassen. Im Lauf der Jahre hatte sie zu viele Reporter kennengelernt, die Neid, Bitterkeit oder ein unangebrachtes Gefühl moralischer Überlegenheit zur Grundlage ihrer Arbeit machten und Interviewpartner ganz bewußt als Narren darstellten. Wenn Holly es nicht gerade mit außergewöhnlich abscheulichen Kriminellen oder Politikern zu tun bekam, empfand sie nie genug Haß, um auf diese Weise zu schreiben. Das war einer der Gründe dafür, warum sie nur kurze Zeit für drei wichtige Zeitungen in drei großen Städten gearbeitet hatte und nun auf der Gehaltsliste des provinziellen Portland Kurier stand. Voreingenommener Journalismus weckte häufig mehr Interesse als ausgewogene Berichterstattung; er erzielte höhere Verkaufszahlen, provozierte Kommentare und Bewunderung.
    Auf jeden Fall - schon nach kurzer Zeit fand Holly die Dichterin Louise Tarvohl zwar noch gräßlicher als ihre Werke, aber sie entschied dennoch, ihr Buch nicht zu verreißen.
    »Nur in der Wildnis lebe ich, weit entfernt von allem, was die Zivilisation bietet. Ich muß die Stimmen der Natur hören, in Bäumen und Büschen, in abgelegenen Teichen, im Boden.«
    Stimmen im Boden?

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