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Der erfolgreiche Abstieg Europas

Der erfolgreiche Abstieg Europas

Titel: Der erfolgreiche Abstieg Europas
Autoren: Eberhard Sandschneider
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1 EINLEITUNG
    Das erste Jahrzehnt im neuen Jahrtausend begann voller Hoffnung. Nach einer berauschenden 24-Stunden-Party atmete die Welt am Morgen des 1. Januar 2000 voller Erleichterung auf. Der befürchtete und von manchen schon sicher erwartete Millennium Bug war ausgeblieben. Internet, E-Mail, Handy, Datenbanken – alles funktionierte genau so wie am Tag zuvor. Aber alles, was danach kam, war der blanke Horror für diejenigen, die seit 1989 an den globalen Siegeszug des Westens geglaubt hatten.
    Das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts war ein langes Jahrzehnt des Schreckens für den Westen. Wirtschaftlich stehen eine geplatzte Internetblase am Anfang und eine schwere Weltwirtschaftskrise am Ende des Jahrzehnts. In sicherheitspolitischer Hinsicht erstreckt es sich von den Terrorangriffen des 11. September 2001 bis zur Atomkatastrophe in Japan am 11. März 2011. Verschnaufpausen gab es in den elf Jahren seit der Jahrtausendwende praktisch keine. In Atem gehalten wurde der Westen durch eine Serie von schweren Terrorangriffen in Bali, London, Madrid, Moskau und Mumbai, durch Kriege in Afghanistan und im Irak, durch Naturkatastrophen, Pandemien, Nahrungsmittel- und Ressourcenkrisen, den gescheiterten Unilateralismus der USA, die schwindende Attraktivität westlicher Werte in weiten Teilen der Welt, wieder erstarkten Nationalismus und die Rückkehr von Religion als Ursache von Krieg und Zerstörung. Die Liste der Schrecken ist lang und im Detail beliebig verlängerbar.
    Elf schreckliche Jahre liegen seit der Jahrtausendwende nun schon hinter uns. Und nur eingefleischte Optimisten werden ernsthaft erwarten, dass die nächsten zehn Jahre automatisch besser werden. Mögliche neue Schocks, die unser politisches, wirtschaftliches und gesellschaftliches Gefüge erschüttern, lassen sich natürlich nicht mit Exaktheit prognostizieren. Die unerwarteten Ereignisse in den Staaten Nordafrikas und der arabischen Welt stehen dafür als besonders eindrückliche Beispiele. Aber die Trends, die wir heute schon ablesen können, machen es einem zusätzlich schwer, optimistisch zu bleiben.
    Einer dieser Trends könnte besonders wichtig werden. Zumindest sollte er uns erheblich zu denken geben. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes lebten in Europa »Mitte des vergangenen Jahrhunderts 547 Millionen Menschen. 2010 werden es laut UN-Schätzung rund 733 Millionen und 2050 nur noch 691 Millionen sein. Europa ist der einzige Kontinent, für den in Zukunft mit einer schwindenden Bevölkerung gerechnet wird.« 1 Noch deutlicher wird das Problem, wenn man es in Prozentzahlen ausdrückt. Im Jahre 1950 betrug der Anteil der Bevölkerung Europas an der Weltbevölkerung rund 21,8 Prozent. Heute ist dieser Anteil bereits auf 10,6 Prozent gesunken. Er wird weiter fallen. Im Jahre 2050, so schätzen Demografen, wird er gerade noch 7,6 Prozent der Weltbevölkerung betragen. Am Ende des 21. Jahrhunderts könnte er möglicherweise auf vier Prozent gesunken sein. Hier stellen sich zwei einfache Fragen: Wie kann es diesen rund sieben Prozent der Weltbevölkerung in nur knapp 40 Jahren von heute an gerechnet gelingen, das Niveau an Wohlstand, Sicherheit und Freiheit, das unsere Gesellschaften prägt, gegen die oder in offener Konkurrenz zu den restlichen 93 Prozent der Weltbevölkerung zu erhalten? Und noch bedrohlicher: Was wird aus dem Westen, wenn die 93 Prozent Nicht-Europäer in eben mal 40 Jahren beschließen sollten, uns für die nächsten 200 Jahre so zu behandeln, wie wir sie in den vergangenen 200 Jahren behandelt haben – Ausbeutung ohne Rücksicht auf Verluste von Menschenleben, brachiale Machtpolitik, Wohlstand der anderen auf unsere Kosten? Nicht einmal die vermeintlichen Segnungen westlicher Entwicklungshilfepolitik können diese Bilanz beschönigen. Es mag schon fastwie ein Trost wirken, dass wir dann nicht mehr bedeutend genug sein werden, dass andere auf die Idee kommen, den Wohlstand der Nationen , wie Adam Smith einst sein Buch überschrieben hatte, auf Kosten Europas zu mehren. Manch einem mögen solche Überlegungen defätistisch vorkommen. Wieder so ein Abgesang auf den Westen, wie wir ihn seit Oswald Spengler in schöner Regelmäßigkeit zelebrieren? Genau darum geht es nicht. Man kann es so nüchtern und beinahe gelassen ausdrücken, wie Helmut Schmidt es tat. Auf die Frage von Theo Sommer, wie wir Europäer uns behaupten können, wenn wir uns zahlenmäßig so verringern, antwortete er in entwaffnender Einfachheit:

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