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Das Geheimnis der Goldmine

Das Geheimnis der Goldmine

Titel: Das Geheimnis der Goldmine
Autoren: Agatha Christie
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Erstes Kapitel
     
    M iss Somers war an der Reihe, den Tee zu kochen. Miss Somers war die zuletzt eingetretene und mit Abstand am wenigsten brauchbare Schreibkraft im Büro. Sie war nicht mehr ganz jung, und ihr Gesicht hatte den sanft-besorgten Ausdruck eines Schafes. Das Wasser hatte noch nicht ganz gekocht, als Miss Somers den Tee aufgoss – die arme Miss Somers war sich nie ganz sicher, wann das Wasser kochte. Das war nur eine der vielen Sorgen, die ihr das Leben schwer machten.
    Sie schenkte den Tee ein und verteilte die Tassen, mit zwei lappigen, süßen Keksen auf jeder Untertasse.
    Miss Griffith, die effiziente Bürovorsteherin, ein grauhaariger Feldwebel und seit sechzehn Jahren bei Consolidated Investment Trust, sagte scharf: »Wasser wieder nicht ganz gekocht, Somers!«, und Miss Somers unterwürfiges Gesicht lief rosa an: »Herrje, und dabei dachte ich diesmal wirklich, es hätte gekocht.«
    Miss Griffith dachte bei sich: Sie wird es vielleicht noch einen Monat machen, weil wir so viel zu tun haben… Nein, wirklich! Das Durcheinander, das die dumme Person mit dem Brief an Eastern Development angerichtet hat – und das war eine ganz einfache Aufgabe. Und dann immer dieses Theater mit dem Tee. Wenn es nicht so schwierig wäre, intelligente Schreibkräfte zu finden – und die Keksdose war auch letztes Mal nicht ordentlich verschlossen. Wirklich –
    Wie so manche von Miss Griffith’ missbilligenden inneren Kommentaren blieb auch dieser unvollendet. Denn in diesem Augenblick schwebte Miss Grosvenor herein, um Mr Fortescues geheiligten Tee zu bereiten. Mr Fortescue bekam anderen Tee, anderes Porzellan und besondere Kekse. Nur der Kessel und das Wasser aus dem Hahn im Waschraum waren dieselben. Und selbstverständlich kochte bei dieser Gelegenheit, für Mr Fortescues Tee, das Wasser. Dafür sorgte Miss Grosvenor.
    Miss Grosvenor war eine unglaublich glamouröse Blondine. Sie trug ein gut geschnittenes schwarzes Kostüm und ihre wohlgeformten Beine steckten in den besten und teuersten Nylonstrümpfen, die man auf dem Schwarzmarkt finden konnte.
    Sie segelte durch das Schreibzimmer, ohne jemanden eines Blickes oder Wortes zu würdigen. Die Tippsen hätten ebenso gut Ungeziefer sein können, denn Miss Grosvenor war Mr Fortescues höchst persönliche Sekretärin. Missgünstigen Gerüchten zufolge war sie sogar ein bisschen mehr als das, aber die entsprachen nicht der Wahrheit. Mr Fortescue hatte vor kurzem zum zweiten Mal geheiratet, eine ebenso anspruchsvolle wie schöne Frau, die seine volle Aufmerksamkeit verlangte. Miss Grosvenor war für Mr Fortescue nicht mehr als ein notwendiger Bestandteil seiner Büroeinrichtung – ebenso luxuriös und ebenso teuer.
    Miss Grosvenor schwebte zurück, das Tablett vor sich hertragend wie eine Opfergabe. Durch das innere Büro und das Wartezimmer, in dem die wichtigeren Kunden sitzen durften, durch ihr eigenes Vorzimmer und schließlich, nach leisem Anklopfen, in das Allerheiligste, Mr Fortescues Büro.
    Es war ein großer Raum mit schimmerndem Parkettboden, auf dem kostbare Orientteppiche lagen, ausladenden Clubsesseln aus glänzendem, cremefarbenem Leder und elegant mit hellem Holz getäfelten Wänden. Hinter einem mächtigen Schreibtisch aus Edelholz, Zentrum und Brennpunkt des Raumes, saß Mr Fortescue selbst.
    Mr Fortescue war nicht ganz so eindrucksvoll wie sein Büro, aber er tat sein Bestes. Er war ein korpulenter, schwammiger Mann mit einer glänzenden Glatze. Er hatte die Gewohnheit, im Büro salopp geschnittene Tweedanzüge zu tragen, die eher für das Landleben gedacht waren. Er saß mit gerunzelter Stirn über seinen Akten, als Miss Grosvenor schwanengleich zu ihm hinglitt. Sie platzierte das Tablett neben seinen Ellbogen und murmelte diskret: »Ihr Tee, Mr Fortescue«, bevor sie sich zurückzog.
    Mr Fortescues Beitrag zu diesem Ritual war ein Grunzen.
    Wieder an ihrem Schreibtisch, widmete sich Miss Grosvenor den laufenden Geschäften. Sie telefonierte zweimal, korrigierte einige Briefe, die zur Unterschrift für Mr Fortescue bereitlagen, und nahm einen Anruf entgegen.
    »Leider ganz unmöglich«, sagte sie hoheitsvoll, »Mr Fortescue ist in einer Konferenz.« Sie legte den Hörer auf und blickte auf die Uhr. Es war zehn Minuten nach elf.
    In diesem Augenblick drang ein ungewöhnlicher Laut durch die beinahe schalldichte Tür von Mr Fortescues Büro. Gedämpft, doch unzweifelhaft als unterdrückter Schmerzensschrei zu erkennen. Im selben Moment erklang der

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