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0775 - Haus der Toten

0775 - Haus der Toten

Titel: 0775 - Haus der Toten
Autoren: Christian Constantin
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20. Juni 1998
    Kathy Mason bereute es inzwischen, das »Geisterhaus« betreten zu haben. Nicht nur, dass das alte Ding reichlich baufällig war. Dazu kam, dass allmählich die Sonne unterging und Harold noch keinerlei Anstalten machte, sich wieder auf den Weg nach Hause zu machen.
    Stattdessen flitzte ihr Mann begeistert von einem Zimmer ins nächste, um die Räume zu fotografieren. Innerlich stieß sie einen langen Seufzer aus. Diese Faszination des »Übersinnlichen« hatte als harmloses, halb ironisches Hobby begonnen, aber Kathy befürchtete, dass es für Harold langsam zur Besessenheit wurde. Sie würde sich bei Gelegenheit mit ihm darüber unterhalten müssen. Sie empfand sich durchaus als moderne Frau, die kein Problem damit hatte, dass jeder der Ehepartner eigenen Interessen nachging. Doch man konnte es damit eben auch übertreiben.
    Aber diese Diskussion konnte warten. Momentan wollte sie einfach nur zum Hotel zurück, sich frisch machen und irgendwo etwas essen gehen.
    »Harold!«, rief sie ihrem Mann zu. »Ich habe keine Lust, den ganzen Weg bis zur Stadt im Dunkeln zurückzufahren.«
    »In Ordnung, Schatz«, hörte sie ihn antworten. »Ich mache nur noch eben ein Foto von dem großen Raum hier unten…«
    Kathy betrat den Raum, aus dem Harolds Stimme gekommen war. In ei-,ner der Ecken kniete er gerade mit dem Rücken zu ihr. Er hatte sein Schweizer Taschenmesser aufgeklappt und schabte etwas von der Wand.
    Kathy lächelte, als sie ihn so auf diese lächerliche Arbeit konzentriert sah. Seine Erscheinung war ebenfalls ein wenig belustigend: Ein dicklicher Mann um die fünfzig, mit kaum noch Haaren auf dem Kopf und in wild gemustertem Hawaii-Hemd und Shorts. Nein, optisch machte Harold nicht gerade viel her. Aber er war liebevoll, zärtlich und verlässlich. Damit hatte er alle Eigenschaften, nach denen sich Kathy nach ihrer verunglückten letzten Ehe gesehnt hatte. Abgesehen davon war sie sich durchaus der Tatsache bewusst, dass für sie selbst die Redaktion des »Playboy« auch keine Seite reservieren würde.
    Aber das Beste an Harold war, dass sie Spaß zusammen hatten. Seit sie sich kennen gelernt hatten, langweilte Kathy sich nicht mehr.
    Normalerweise zumindest nicht. Der heutige Tag begann allmählich, eine Ausnahme zu werden.
    »Harold?«, fragte sie vorsichtig. »Ich will ja nicht nerven, aber…«
    »Sofort, Liebes«, unterbrach Harold sie. »Ich glaube, ich habe hier Überreste von Ektoplasma gefunden. Lass mich nur eine Probe entnehmen, dann können wir los.«
    Kathy unterdrückte ein Stöhnen. Ektoplasma, na klar. In ihren Augen sah die grünliche Substanz, die ihr Mann da abschabte und in einem kleinen Döschen sammelte, eher wie ganz normaler Schimmel aus. Sie hätte einschreiten sollen, als er an ihren Fernsehabenden statt der Krimis nur noch diese neumodischen Mystery-Serien gucken wollte.
    »Okay, ich glaube, jetzt habe ich allmählich…« Harold verstummte plötzlich. Dann stand er langsam auf, den Blick fest auf die Klinge des Taschenmessers gerichtet. »Seltsam. An irgendetwas erinnert mich das…«, murmelte er leise.
    Seine Augen schlossen sich, und seine Züge entspannten sich für einen Moment völlig. Dann begannen seine Augenlider plötzlich zu flattern.
    »Harold? Stimmt etwas nicht?«
    In diesem Moment fuhr sein Kopf mit einer blitzschnellen Bewegung herum. Seine Augen waren jetzt weit aufgerissen und starrten voller Wut und Abscheu wie durch sie hindurch. Dieser Gesichtsausdruck war ihr völlig fremd; sie erkannte ihren Mann kaum wieder.
    »Harold?« Kathy machte unwillkürlich einen Schritt zurück.
    »Ich hätte es mir denken können«, flüsterte er. Die Klinge des Taschenmessers glänzte im Halbdunkeln.
    »Harold?«, fragte sie wieder verunsichert. Nicht nur sein Gesicht wirkte völlig fremd auf sie. Auch seine Stimme klang anders als sonst. »Was machst du da?«
    »Ich kann einfach nicht anders, Charlotte«, antwortete er leise. »Es muss endlich vorbei sein, verstehst du?«
    Wer zur Hölle war Charlotte? Er hatte nie eine Charlotte erwähnt! Für einen Moment versuchte Kathy, eine logische Begründung für sein Verhalten zu finden. War Charlotte eine ehemalige Freundin, auf die Harold immer noch wütend war? Beinahe augenblicklich verwarf sie diesen Gedanken. Was auch immer gerade in Harold vorging, es war von jeder normalen Regung weit entfernt. Wichtig war nur, dass er sie nicht zu erkennen schien, sondern in ihr irgendeine Charlotte sah.
    »Harold, ich bin’s!

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