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Zwischen den Zeilen

Zwischen den Zeilen

Titel: Zwischen den Zeilen
Autoren: Benedikt Altmann , Berthold F. Bauer
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erniedrigende Art und Weise zuzurichten und mich dabei auch noch so verflucht gut fühlen.
    Und jetzt tauchte der Mann, der hier in dieser Geschichte Herr Buch genannt wird, nun ausgerechnet erneut hier als allseits hochgeschätzter Dozent mit Professorentitel wieder auf? Es war unfassbar. Offenbar hatte ihn niemand je für all das, was er die ganzen Jahre hindurch in seiner Zeit als Lehrer getrieben hatte, zur Rechenschaft gezogen. Das System, in dem ich mittlerweile auch selbst gefangen war, funktionierte scheinbar immer noch. Ohne jede Einschränkung. Und wohl sogar noch besser als je zuvor.
    Obwohl doch inzwischen angeblich überall so schonungslos alles aufgeklärt und veröffentlicht wird? Natürlich gab es an dieser Schule keine Lehrer, die sich von ihnen emotional und materiell vollkommen abhängige Schüler jahrelang als Sexsklaven gehalten haben. Das natürlich nicht. Das weiß ich ganz sicher. Aber es gab genügend interne Dinge, die jedenfalls besser so nicht in der Zeitung stehen sollten. Aber vielleicht lag es ja auch daran, dass eben diese Schule, die ich als Praktikant zweimal von innen kennen lernen durfte, eben doch vergleichsweise klein ist und im Gegensatz zu anderen Institutionen derselben Preisklasse auch gar keine Öffentlichkeit sucht, gar keine Öffentlichkeit suchen muss, um neue Schüler anzuwerben. Erbärmlich ist das Ganze aber natürlich trotzdem und ich nehme mich dabei als gefühlter Teil des Systems auch gar nicht davon aus, auch, da ich nun eben gerade kein faktengespicktes Enthüllungsbuch verfasse, sondern vielmehr eher einen kleinen Roman auf der Grundlage der alten Aufzeichnungen aus meinen fast schon antiquarischen DIN-A-5 Hefte niederschreibe, bei dessen Abfassung mir aus Zeitgründen zudem ein talentierterer junger Co- Autor hilfreich zur Hand geht.

 
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Nicolas hatte mir knapp zwei Jahre nach unserer letzten Begegnung noch das Abibuch von dem Jahr, in dem er selbst sein Abitur gemacht hatte, zugeschickt. Ein dickes, extrem umfangreiches Werk, mit den Adressen aller noch lebender Absolventen. Ein nahezu unbezahlbares Nachschlagewerk für das weitere Fortkommen in Beruf und Studium.
    In zwei dürren Sätzen wurde sogar ich darin erwähnt, für die hilfreiche Rolle für diesen Jahrgang während meiner beiden kurzen Praktika in Gruppe Drei . Ich wusste natürlich, wem ich diese ungewöhnliche und schmeichelhafte Erwähnung zu verdanken hatte.
     
    Seither habe ich von Nicki nichts mehr gehört. Unbestätigten Gerüchen zufolge soll er jetzt in der Schweiz leben. Es wäre ein Leichtes, das alles genau heraus zu finden. Man bräuchte dazu ja nur seinen Namen eingerahmt von »Anführungszeichen« durch die alle Informationen wiederkäuende Google Krake zu jagen.
    Aber irgendetwas hat mich bisher immer davon abgehalten, dies auch wirklich zu tun. Vielleicht will ich Nicolas ja auch genau so in Erinnerung behalten, wie ich ihn einst kennen gelernt hatte, als er mich so frappierend an meinen jüngeren Bruder erinnerte.
     
    Fast jede Nacht erscheint er vor dem Einschlafen so in meinen Träumen. Genauso, wie er sich in der Klosternacht in seinem roten Pullover damals neben mir auf der Couch ausstreckte.
     
    Mit meinem langjährigen Freund, mit dem ich schon seit dem Anfang meiner eigenen Studienzeit eng verbunden bin, kann ich darüber nicht reden. Er würde es nicht verstehen. Denn er selbst hat nie einen Bruder gehabt.
     
     
    Bedächtig gehe ich zu einem Fach im Bücherregal meines Büros hinüber. Behutsam fahre ich mit meiner Hand dort über die Turnschuhe, die Nicki damals während der Klosternacht in der Emotion des Augenblicks einfach in meinem Zimmer hatte stehen lassen.
    Ich bin mir sicher, sie würden ihm auch heute immer noch perfekt passen.
    Ein Gefühl von Freude und Erleichterung erwacht in mir, vielleicht ganz ähnlich den Empfindungen, mit denen Daniel gerade vorher über das alte Pergament gestrichen hat, und sich dabei dem Verfasser aller inzwischen verstrichenen Zeit zum Trotz dennoch so unmittelbar nahe und verbunden fühlte.
     
    Wie eine Blume in den Düften des Sommers, oder wie die Sonne in ihrem eigenen hellen Schein kommt die Wahrheit halt manchmal in den seltsamsten Verkleidungen zu uns. Man selbst weiß oft überhaupt nicht, was es zu bedeuten hat, wenn die Gefühle Nachrichten an den Verstand schicken.
     
    Die Lücke zwischen dem, was ich wusste und was ich glaubte, füllte dann in diesen ganz speziellen Augenblicken

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