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Zwischen den Zeilen

Zwischen den Zeilen

Titel: Zwischen den Zeilen
Autoren: Benedikt Altmann , Berthold F. Bauer
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Jeden Freitag nach dem Unterricht wurden die wöchentlichen Bestrafungen vom Disziplinar-Präfekten durchgeführt. Dieser hatte eine Liste mit den Namen aller Schüler (es ist ein reines, das heißt monoedukatives Jungs-Internat), die Verfehlungen hatten in der aktuellen Woche. Der Präfekt ordnete dann Strafen an, wobei immer ein zweiter Präfekt teilnehmen musste, um die ordentliche Durchführung zu bestätigten. An einem Freitag war ich dieser Präfekt.
     
    Der Ablauf der ersten Bestrafung, die ich miterlebte, war relativ genau so: Um 12:45, wenn die Schule wobei ist und es für alle Schüler Mittagsessen gab, außer für die, die bestraft werden sollten (das war schon Teil der Strafe), mussten sich alle Delinquenten auf dem Flur vor dem Büro des Disziplinar-Präfekten versammeln. Dieser Flur lag im Westflügel des Hautgebäudes und war so Mitte der 1970er Jahre gebaut worden, die Wände waren aus Waschbeton und der Flur war mit grauem Heugerfeld ausgelegt, dieser harte Behördenfußboden. Dort erschien dann der Präfekt, dessen Name Herr Buch war. Herr Buch war eine dürre, zerbrechliche, ja fast schon zarte Erscheinung mit einem feinsinnigen Gesicht, das ein hohes Maß an Bildung und großem intellektuellem Talent erkennen ließ. Mit seiner kleinformatigen Brille erinnerte er mich aber dabei stets immer ein klein wenig an Heinrich Himmler.
    Buch kam raus und checkte mit der Liste, ob alle da waren. Dieses Mal waren es ganze zwölf Jugendliche aus unterschiedlichen Gruppen und Klassen. Das war viel, wie mir Buch erklärte, mit einem Grinsen.
    Aufgeregt warteten die zwölf Jugendlichen nun da draußen und einige (gerade die Jüngeren, die ja neu hier in der Oberstufe waren seit dem Herbst, aber auch manche Ältere) waren ziemlich nervös. Alle wussten, dass irgendwie geprügelt wird, aber die Angst vor den Schmerzen war natürlich groß, logisch. Ich selbst fühlte mich mindestens so unwohl wie die Jungs. Bei den zwölf Jugendlichen war auch einer aus meiner Gruppe, Nicolas. Wir sprachen aber nicht miteinander, ihm war es sehr peinlich, dass ich ausgerechnet heute hier dabei sein sollte.
    Buch hatte die Anwesenheit geprüft, es waren alle zwölf gemeldeten Jugendlichen da. Ich fragte ihn, um überhaupt irgendetwas zu sagen, was passieren würde, wenn einer nicht zur Bestrafung käme. Er meinte nur, das sei erst drei oder vier Mal vorgekommen; in allen Fällen wird der Erziehungsvertrag sofort aufgelöst und der Jugendliche fliegt von der Schule. Das riskiert dann doch fast keiner, also kommen sie freiwillig und pünktlich. Irgendwie war mir Buch von Anfang an unsympathisch, er hatte etwas Sadistisches an sich. Vielleicht war er ja auch gerade deswegen Lehrer geworden. Alles, was er mir sagte, trug er mit großer Wichtigkeit und einer noch größeren Befriedigung vor, und mit einer solchen Süffisanz, die mich innerlich erschaudern ließ, die mich Partei ergreifen ließ für die Jugendlichen - und nicht für ihn oder die Institution. Wenn ich das alles nur vor meinem Praktikum hier gewusst hätte, wäre ich wohl nicht hergekommen. Egal aber auch.
    Was aber dann passierte fand ich auf der einen Seite nur noch absolut geil (es tut mir leid, doch es gibt einfach kein Wort, dass meine Befindlichkeiten in diesem Moment besser auszudrücken vermag), aber gleichzeitig auch absolut widerwärtig und dabei vollkommen surreal. Und zwar alles zugleich: Buch sagte in Befehlston zu allen zwölf Jugendlichen, dass Bestrafungen ab diesem Schuljahr von nun an immer grundsätzlich nackt ausgeführt werden, und deswegen sollten sich alle jetzt ausziehen und draußen warten. Manche der Jugendlichen kannten das schon, andere hatten es wohl per Gerücht gehört, wieder andere waren dagegen total geschockt von der Ankündigung. Ich hatte davon keine Ahnung gehabt. Nicki (der siebzehnjährige Nicolas aus meiner Gruppe) guckte mich nur kurz an, nach dem Motto »Kacke, dass Sie ausgerechnet heute auch noch dabei sind« … und zog sich aus. Buch ging das nicht schnell genug. »Das ist keine Stripshow hier, etwas schneller. Und die Klamotten ordentlich auf den Boden legen. Das gilt auch für dich da hinten.«
    Ich war - sprachlos. Zwölf zum Teil ganz nett anzusehende Jugendliche, darunter auch Nicki aus meiner Gruppe, zogen sich nackt aus und sollten nun gleich also irgendwie bestraft werden. Wahnsinn. Und das im Jahr 1996. Ich guckte also zunächst einfach mal zu. Ich konnte ja nichts machen. Ich war

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