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Was wir sind und was wir sein könnten

Was wir sind und was wir sein könnten

Titel: Was wir sind und was wir sein könnten
Autoren: Gerald Hüther
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einzelner Mensch eine bestimmte Situation bewertet, hängt davon ab, welche Erfahrungen er im Verlauf seines bisherigen Lebens mit diesen und ähnlichen Situationen gemacht hat. Deshalb haben manche Menschen keine Angst vor dem Gewimmel einer Großstadt oder der Reise mit einem Flugzeug oder der Fahrt auf einer Achterbahn oder dem Streit mit einem Vorgesetzten oder dem Versagen in einer Prüfung. Andere verfallen bereits in panische Angst, wenn wieder einmal gemeldet wird, dass eine neue Grippewelle im Anzug ist. Außerdem gibt es vieles, wovor Menschen Angst haben, oft ohne sich das selbst offen einzugestehen. Zum Beispiel davor, nicht von anderen gemocht, nicht von ihnen anerkannt zu sein oder aus einer Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Vor allem in der Pubertät sind Jugendliche deshalb bereit, so ziemlich alles zu tun, nur damit sie zu einer Gruppe dazugehören können.
    Wenn sich Menschen aus Angst zusammenschließen, so machen sie meist auch die sehr angenehme Erfahrung, dass sie dann weniger Angst haben und dass sie gemeinsam in der Lage sind, Probleme zu lösen, an denen jeder Einzelne von ihnen bisher gescheitert ist. So eine gemeinsame Erfahrung stärkt Menschen ungemein und erzeugt auch ein Wir-Bewusstsein, das selbst dann noch weiter stabil und abrufbar bleibt, wenn die Gefahr vorbei und die Angst überwunden ist.
    Aber Achtung! Wenn diese gemeinsame Problemlösung darin besteht, dass man in einer kollektiven Anstrengung andere niedermacht, unterwirft und unterdrückt, so beraubt man sich dadurch der Möglichkeit, von diesen anderen etwas lernen zu können. Dann wächst man nicht über sich hinaus, sondern an diesen anderen vorbei. Und das auch nur so lange, bis sich diese anderen wieder aufgerappelt und neue Techniken entwickelt und stärkere Verbündete gesucht haben.
    Unsere Geschichtsbücher sind ein einziges leidvolles Zeugnis solcher kurzfristig erfolgreichen Feldzüge. Dort können wir auch nachlesen, wie Machthaber immer wieder versucht haben, Angst unter den Menschen ihres Einflussbereiches zu schüren, um ihnen anschließend genau das als Lösung zur Überwindung dieser Angst anzubieten, was ihren jeweiligen Interessen und ihrer Machterhaltung diente. Je verunsicherter Menschen bereits sind, desto besser gelingt diese Strategie. Man kann Menschen auf diese Weise nicht nur dazu bringen, kollektiv über diejenigen herzufallen, die von solchen Machthabern, ihren Wortführern und Meinungsmachern als gefährliche Feinde dargestellt werden. Mit der gleichen Strategie kann man ganze Gemeinschaften auch dazu bringen, vermeintliche Hexen zu verbrennen oder sogenannte Ungläubige zu unterwerfen. Und wie man Ängste schüren muss, um möglichst viele Abnehmer für Produkte zu finden, die angeblich gegen alle möglichen Gebrechen, gegen Falten und andere unheilbare Gefahren helfen, brauche ich hier nicht länger auszuführen.
    Weil alle auf diese Weise und mit derartigen Absichten erzeugten Ängste nicht dazu führen, dass die Menschen eine gemeinsame, sie stärkende Erfahrung machen, stärken sie auch kein Wir-Gefühl.
    Und ein Wir-Bewusstsein, das sich aus der gemeinsamen Vorstellung rekrutiert, dass man als Gemeinschaft von verängstigten Menschen am Ende machtlos bleibt und eine wirkliche Besserung nicht in Aussicht steht, ist wenig hilfreich, um über sich hinauszuwachsen. Abhilfe lässt sich dann auch nicht dadurch schaffen, dass man gemeinsam den Zustand beklagt, in den man gemeinsam hineingeraten ist.

Verbundenheit entsteht jenseits von Angst und Not
    Fassen wir noch einmal bis hierher zusammen: »Wir« sagen wir auch dann, wenn wir uns mit anderen gar nicht verbunden fühlen, sondern mit ihnen nur ein Zweckbündnis zur Abwehr von Bedrohungen eingegangen sind. »Wir müssen jetzt gemeinsam ranklotzen, sonst kommen wir aus diesem Schlamassel nicht mehr heraus« – solche Angst- und Notgemeinschaften bilden Menschen immer dann, wenn sie auf unvorhergesehene, bedrohliche oder für sie in anderer Weise ungünstige Veränderungen ihrer bisherigen Lebenswelt reagieren müssen.
    Erst wenn diese gemeinsame Anstrengung dazu führt, dass die Angst überwunden, die Not gemildert werden kann, haben die Mitglieder dieser Gemeinschaften eine neue, ihr Wir-Gefühl und ihr Wir-Bewusstsein stärkende Erfahrung gemacht. Ohne diese Erfahrung, gemeinsam mit anderen etwas besser als allein verstehen, etwas effektiver als allein gestalten, etwas sinnhafter als allein erfahren zu können, werden die Mitglieder

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