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Was wir sind und was wir sein könnten

Was wir sind und was wir sein könnten

Titel: Was wir sind und was wir sein könnten
Autoren: Gerald Hüther
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einer menschlichen Gemeinschaft auch kein »Wir«-Bewusstsein entwickeln können.
    Interessanterweise ist das keine wirklich neue Erfahrung, denn diese Erfahrung haben wir alle am Anfang unseres Lebens bereits gemacht. Gemeinsam mit der Mutter, später auch mit dem Vater, und schließlich auch gemeinsam mit allen anderen Menschen, bei denen wir aufwachsen, erlebt sich jedes Kind als eine Person, die individuell zwar jeden Tag ein bisschen mehr bewirken, verstehen, gestalten kann, die aber gleichzeitig in ihrem eigenen Erkenntnis- und Selbstentwicklungsprozess aufs Engste mit diesen anderen Personen verbunden ist. Ebenso wie jeder Erwachsene, lässt sich auch jedes Kind, indem es mit einem anderen, ihm wichtigen Menschen in eine lebendige Beziehung tritt, auf einen Prozess ein, in dessen Verlauf es immer mehr in und an dem anderen erkennt und entdeckt. Und weil man sich dabei ja selbst zu diesem anderen in Beziehung setzt, sich mit ihm vergleicht, sich in ihm spiegelt, sich in ihn hineinversetzt, kann man sich dabei auch selbst schrittweise und immer besser in diesem Gegenüber erkennen und entdecken. Je intensiver diese Beziehung zu diesem anderen Menschen ist, desto intensiver wird dieses Selbsterkennen. Allein kann das kein Mensch, als Kind nicht und auch nicht als Erwachsener. Immer bedarf es dazu dieser anderen Menschen als Gegenüber. Anfangs müssen das noch lebendige Personen sein, später reicht dafür das aus diesen Beziehungserfahrungen entstandene innere Bild, also die internalisierte Vorstellung der eigenen Beziehung zu diesen Menschen. Dann glaubt man zwar, dass man sich selbst fragt, wer man ist, aber aus sich selbst heraus kann man doch immer nur das zutage fördern, was einem andere Menschen bisher über einen selbst erfahrbar und erkennbar gemacht haben.
    Dieses Sich-selbst-im-anderen-Erkennen beginnt während der frühen Kindheit. Deshalb ist das erste Wort, das man als kleines Kind auszusprechen lernt, nicht »Ich«, sondern die Bezeichnung für das Gegenüber, für das »Du« in Form von Mama und Papa oder Oma oder Opa. Erst wenn sich ein Kind lange genug und intensiv genug mit diesen anderen in Beziehung gesetzt, sich an ihnen orientiert, sich von ihnen abgegrenzt, in ihnen gespiegelt, sie beobachtet und imitiert hat, entdeckt es sich allmählich selbst als ein eigenständiges, von Mama und Papa verschiedenes Wesen. Dann sagt es seinen eigenen Namen, wenn es sich selbst im Unterschied zu den anderen meint. Und erst dann findet es irgendwann auch das Wort »Ich« für das, als was es sich selbst zu betrachten, als was es sich von anderen zu unterscheiden und abzugrenzen gelernt hat.
    Während dieser gesamten Phase der Herausbildung eines Ich-Bewusstseins ist jedes Kind emotional aufs Engste mit all jenen erwachsenen Personen verbunden, die es auf diesem Weg begleiten. Es hat also ein sehr starkes Wir-Gefühl, lange bevor es »Ich« zu denken und zu sagen vermag. Anschließend vergehen noch Jahre, und oft erreichen Kinder das Alter ihrer Einschulung, bevor sie erstmals das Wort »Wir« verwenden, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass sie sich einer bestimmten Gemeinschaft zugehörig, dass sie sich mit den Mitgliedern dieser Gemeinschaft verbunden fühlen. Die Herausbildung dieses Wir-Bewusstseins ist offenbar eine wesentlich komplexere Leistung als die vorangegangene Bewusstwerdung des »Ich«. Wenn man bei Erwachsenen aufwächst, die ein nur schwach entwickeltes Wir-Bewusstsein haben, wird es einem Kind entsprechend schwerfallen, dieses Wir-Bewusstsein zu entwickeln.
    Dieses frühe kindliche Wir-Bewusstsein braucht ebenso wie das Ich-Bewusstsein, damit es sich herausbilden kann, die bewusste Unterscheidung der eigenen Gemeinschaft, also von anderen Familien, von anderen Altersgruppen, von anderen Gemeinschaften. »Bei uns ist es anders als bei euch« wird dann zum Leitsatz dieses sich entwickelnden Wir-Bewusstseins. Und je stärker die anderen, vor allem die erwachsenen Mitglieder der kleinen ersten Wir-Gemeinschaft eines Kindes sich über das sie von anderen Gemeinschaften Trennende definieren, desto intensiver wird das Wir-Bewusstsein und nun auch zunehmend das Wir-Gefühl dieses Kindes durch all das bestimmt, was die eigene Gemeinschaft von anderen Gemeinschaften, was die eigene Familie von anderen Familien, die eigene Spielgruppe von anderen Spielgruppen nicht nur einfach unterscheidet, sondern trennt.
    In einer Gesellschaft mit stark differenzierten Gemeinschaften, die sich in erster Linie

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