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Wärst du doch hier

Wärst du doch hier

Titel: Wärst du doch hier
Autoren: Graham Swift
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Beobachtungen und Überlegungen anzustellen   –, wenn man das wollte. Wussten Kühe etwas? Wussten sie, wann sich ein Unglück oder gar ein Tod (was häufig der Fall war) anbahnte? Kannten sie den Unterschied zwischen Wahnsinn und Normalität? Eine Kuh stand in ihrer Fähigkeit zu denken vielleicht nur eine Stufe über einem Wohnwagen. Auf der Jebb Farm hatte Jack manchmal gedacht, dass er selbst nicht so viele Stufen über einer Kuh stand. Trotzdem wusste er ja einiges. Was wussten Kühe? Luke hatte viel gewusst, daran hatte Jack nie gezweifelt. Mit Sicherheit hatte Luke gewusst, was kommen würde, als Dad ihn auf den Pick-up gehievt hatte. Er hatte es gewusst.
    Einen Augenblick lang sieht Jack sich wieder in dem alten, zerbeulten Pick-up, mit Luke auf dem Rücksitz, wie er zur Westcott Farm, zu Ellie fährt, ohne zu wissen, genauso wie eine Kuh es nicht weiß, ob der Gedanke, das zu tun, was er gerade tat, eines Tages einer seiner letzten Gedanken sein könnte.
    So wie Luke damals nicht gewusst hatte, dass er die letzte Fahrt in seinem Leben in genau diesem Pick-up machen würde.
    Doch noch während Jack an den Pick-up denkt, sieht er den regennassen Cherokee hinter der alten Kapelle um die Kurve kommen und mit beträchtlichem Tempo die letzte steile Strecke des Hügels unterhalb des Hauses rauffahren.
    Der Regen hat längst wieder eingesetzt, und Jack kann Ellie, die noch ein paar hundert Meter entfernt ist, durch den Regenschleier und die nasse Scheibe nicht erkennen. Aber Polizeiwagen sind eindeutig nicht dabei. Keine Polizeisirenen. Keine Lichter, außer denen an Ellies Wagen. Deshalb beschließt Jack, vielleicht nur, um bis zum Schluss Ordnung zu halten, die Schachtel mit den Patronen in seine Sockenschublade zu stecken.
    Dann dreht er sich vom Fenster weg und nimmt das Gewehr und geht damit, als Ellie die letzten Meter fährt, zur Tür, zur Treppe, dann die Treppe hinunter. Keine Polizei, nur Ellie. Immer noch hängt in der Luft der Geruch von Bacon. Er wird schnell und entschlossen handeln müssen, aber er ist ganz ruhig. Er darf sich mit dem Gewehr erst zeigen, wenn sie die Haustür hinter sich geschlossen hat. Wenn sie ruft: »Jack?« oder »Jacko?«, darf er nicht darauf reagieren. Oder vielleicht sagt er, wenn erdurch die Tür am Fuß der Treppe kommt: »Ich bin hier, Ell, hier.«
    Es ist, als würde mit ihm etwas passieren, das er nicht abwenden kann. Obwohl alles schnell geschieht, scheint auch reichlich Zeit zu sein. Er hat die zusätzlichen Patronen in der Tasche, aber er hofft, dass es so geschickt und sauber wie möglich sein wird. Für seinen eigenen Tod ist er bereit. Er hätte ihn schon herbeiführen können. Er hätte es schon gestern tun können, wenn er das Tor aufgesprengt hätte   – und wenn er ein Gewehr bei sich gehabt hätte   –, aber das wäre rücksichtslos gegen alle Betroffenen gewesen, auch gegen die blöden Robinsons.
    Und er brauchte dieses Gewehr.
    Den Gedanken, dass die Welt ohne ihn weitergeht, dass die Welt ohne Jack Luxton auskommt, kann er gut ertragen, aber er erträgt den Gedanken nicht, dass Ellie in der Welt ohne ihn weitermachen muss, dass es eine Welt mit Ellie, aber ohne ihn geben wird, und dass Ellie seine Überreste beseitigen muss. Er weiß, dass er ihr das nicht aufbürden darf, dass es ein Verbrechen wäre.
    Sodass nur eine Möglichkeit bleibt. Und eine letzte Komplikation. Er weiß auch, wenn er sich Ellie zuerst vornimmt, dann wird er nicht zögern, sich selbst auch vorzunehmen, im Gegenteil, er wird es umso schneller tun. Zwar wird es in seinem Fall technisch schwieriger sein, aber er wird dafür sorgen, dass es getan wird. Er weiß, dass es möglich ist.
    Jetzt, da es soweit ist, fühlt es sich gar nicht verrückt an, es fühlt sich sogar   – ganz richtig an. Als wäre sein Tod in der Gestalt von Ellie gekommen und es gäbe jetzt kein Ausweichen mehr und nichts, was er sich stattdessenwünschen würde. Und sie wird vollkommenes Verständnis haben, das weiß er auch, jetzt, da er das Gewehr in die Hand nimmt. Wenn sie sein Gesicht sieht, sein vermauertes Gesicht, wird sie wissen, was er da tut. Dass er ihr etwas erspart. Er erspart ihr, dass sie das finden muss, was er damals gefunden hatte, was er ansehen musste. Er verschont sie, schlicht und einfach. Das zwischen ihnen war immer eine doppelte Sache, er für Ellie und Ellie für ihn, und dieses Gewehr hat einen Doppellauf.
    Durch das Rauschen des Regens hört er das Auto, wie es sich nähert, und

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