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Wärst du doch hier

Wärst du doch hier

Titel: Wärst du doch hier
Autoren: Graham Swift
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Brust. Wie durch eine Art Scheintelepathie fährt auch der silbergraue SUV vor ihr los, als hätte er von ihr ein Zeichen bekommen oder als wollte er nicht allein zurückbleiben. Oder als wären sie beide, so könnte der unbeteiligte Beobachter denken, durch daskurze Abflauen des Unwetters ermuntert worden. Sollen wir etwa den ganzen Tag hier sitzen?
    Ellie fährt hinter dem SUV die abwärts führende Straße nach Holn   – und wünscht sich, er würde schneller fahren. Als sie vor dem Abzweig nach Beacon Hill abbremst (eher ein rutschender, ruckender Versuch, sowohl zu bremsen als auch zu beschleunigen), empfindet sie in dem Moment, als der silbergraue Wagen weiter bergan in Richtung Sands End entschwindet, ein merkwürdiges Verlassenheitsgefühl. Sie ist überzeugt, dass der Fahrer nicht nur das Unwetter abgewartet hat, sondern dass auch er eine Samstagmorgen-Katastrophe zu bewältigen hat, von der sie nun nie etwas erfahren wird.
    Auf der geraden Straße zwischen den steilen Böschungen gibt sie Gas, bevor der Anstieg beginnt, und jetzt fängt auch der Regen wieder an zu prasseln. Aber jetzt ist sie so nah, dass sie das Cottage deutlich sehen kann, wenn auch nur sekundenweise, bevor die Straße eine Kurve macht oder die Böschung den Blick verdeckt, und sie sieht, dass die Lichter brennen. Kein Wunder, bei diesem Wetter   – sie brannten schon, als Ellie losfuhr. Dann sieht sie, dass auch das Licht im Schlafzimmer an ist, was sie zunächst als gutes Zeichen deutet, dann als schlechtes Zeichen, als furchtbares Zeichen, dann als ein Zeichen, das nicht unbedingt eine Bedeutung haben musste. Dann fällt ihr ein, wie sie vom selben Fenster aus nach Jack Ausschau gehalten und wie sie die Scheinwerfer gesehen hatte. Er kam zurück!
    All das geht ihr blitzschnell durch den Kopf, und dabei lässt sie wie wild die Lichthupe aufscheinen, als würde der Ausschau haltende Jack   – falls er Ausschauhält   – deren kodierte Botschaft sofort verstehen: »Jack, ich bin’s. Ich komme. Ich liebe dich. Tu’s nicht, Jack, TU’S NICHT!«
    Aber natürlich sind ihre Scheinwerfer von der Böschung verdeckt, außerdem sieht er vielleicht gar nicht aus dem Fenster. Vielleicht sieht er gar nichts mehr.
    Ihr Herz hämmert wild, als sie die eigentliche Anhöhe hinauffährt, immer noch im Schutz der Böschungen, die erst in der Kurve bei der alten Kapelle aufhören, und es scheint, dass es jetzt an ihr ist, den Hügel runterzugehen, den Jack damals runtergegangen war, allein und zu Fuß. In den dunklen und zugleich silbrigen, frostüberzogenen Tunnel hinein, in den er in seiner Erinnerung immer wieder gegangen sein musste. Und in Wahrheit war sie oft in Gedanken mit ihm gegangen, hatte seine Hand gehalten und gehofft, dass das, was am Ende des Hügels war, diesmal nicht da sein würde. Ja, sie wünschte sich, sie hätte beim ersten Mal mit ihm zusammen den Weg machen können, als es nicht die Erinnerung war, sondern die umfassende und schreckliche Wahrheit, dann wäre er wenigstens nicht allein gewesen, dann hätte sie wenigstens bei ihm sein können.
    Aber wie hätte das sein können? Auch gestern ist sie nicht bei ihm gewesen, auch nicht am Tag zuvor. Und vielleicht muss sie jetzt ganz allein durch diesen dunklen Tunnel gehen   – weil Jack nicht bei ihr sein kann   – und das sehen, was er an dessen Ende gesehen hatte.

35
    Die Wohnwagen schimmern durch das Grau. Jack spürt, wie sie an ihm zerren. Was wird aus ihnen werden? Was   – um es genauer zu sagen   – wird aus ihren nächsten Bewohnern, in der neuen Saison? Es ist erst November, aber die Buchungen mit den Namen der Dauergäste gehen schon ein: dasselbe wie im letzten Jahr, bitte. Was werden sie denken? Was werden sie tun, wenn sie die Nachricht erfahren, die in der nationalen Presse sicherlich mehr als nur eine kurze Meldung wert sein wird? Auch wenn sie die andere Sache nicht mitbekommen oder die Verbindung nicht gesehen haben   – dies hier wird ihnen nicht entgehen.
    »Tragödie auf der Isle of Wight.« Oder (wer weiß?): »Belagerung von Lookout Cottage.«
    Jack möchte sie nicht enttäuschen, die Lookout-Feriengäste, die im ganzen Land verteilt in ihren Winterquartieren sitzen. Fast könnte er allein ihnen zuliebe beschließen, sein Vorhaben nicht durchzuführen. Aber er will auch   – geheimnisvoll, das   – die Wohnwagen selbst nicht enttäuschen, die er inzwischen, und jetzt mehr denn je, als geduldige Geschöpfe im Winterschlaf sieht, die im

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