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Wärst du doch hier

Wärst du doch hier

Titel: Wärst du doch hier
Autoren: Graham Swift
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von sowohl Ellies als auch seinem Tod beruhte, hatte sie ihn seltsam beruhigt und in seinen Gedanken der entlastenden Vorstellung Auftrieb gegeben, dass Tom eines Tages Lookout Cottage besitzen und den Lookout Wohnwagenpark führen könnte   – keine schlechte Aussicht für einen ausgemusterten Soldaten. Da Tom acht Jahre jünger war als er, war es nicht unwahrscheinlich, dass er länger leben würde. Andererseits, da Tom ja Soldat im aktiven Dienst war   … aber immer wenn Jacks Gedankenin diese (unwahrscheinliche) Richtung gingen, zerstoben sie.
    Den Gedanken hatte er Ellie gegenüber nie erwähnt, und er selbst hatte sich dabei, seiner düsteren Aspekte wegen, nicht allzu lange aufgehalten. Aber in Wirklichkeit war es eine Hoffnung, ein Traum, eine Abwandlung des einfachen, geheimen Wunsches, dass Tom eines Tages zurückkehren würde. Dass er eines Tages den Kopf zur Tür reinstecken würde.
    Und das war jetzt alles eins: der Gedanke und der Wunsch und der Inhalt seines Testaments   – sogar der grausige Zusatz, zu dem Gibbs geraten hatte und durch den Tom theoretisch schneller zum Erben würde.
    Manchmal hatte er den Wunsch mit dekorativen Details ausgeschmückt   – Tom wäre zum Offizier befördert worden und trüge eine Mütze mit festem Schirm, oder er hätte das Soldatenleben aufgegeben und wäre Wildhüter geworden   –, aber die Fantasien hörten immer dann auf, wenn er dachte: Wie würde es Ellie ergehen, wenn Tom eines Tages tatsächlich vor der Tür stünde? Und sie verflüchtigten sich gänzlich, wenn er sich die Frage stellte: Was war Ellies geheimer Wunsch?
     
    Die Menschen konnten auf verschiedenste Weise helfen, denkt Jack, wenn sie starben   – der Tod ist eine wunderbare Lösung. Das hieß nicht, man sollte ihn herbeisehnen oder vorausnehmen. Aber über den Punkt, wo Wünsche und Wirklichkeit zu trennen sind, ist er längst hinaus, und während er am Fenster hockt und das Gewehr hinter sich auf dem Bett weiß, ist er schon ganz in der Zukunft.
    Andererseits halfen die Menschen auch nicht, wenn sie starben. Jemand anders musste nämlich hinter ihnen aufräumen. Jemandem aufzubürden, dass sie aufräumen mussten, war eine hundsgemeine Sache, ganz hundsgemein. Das wusste Jack. Gestern hatten er und Ireton hinter Tom aufgeräumt, gewissermaßen, obwohl keiner von ihnen Tom dafür grollte. Tom hatte es so nicht gewollt und sich auch nicht wie ein mieser Hund verhalten. Tom traf keine Schuld. Sie hatten die Überreste geschultert, und Jack hatte sich gefragt, ob Ireton an andere Überreste gedacht hatte (bestimmt hatte er das), die sie damals aufgeräumt hatten.
    Und jetzt konnte man mit Fug und Recht behaupten, dass Jack Luxton die Überreste aller anderen aufgeräumt hatte. Er wusste, wie das mit dem Aufräumen war, und aus diesem Grund würde er Ellie so etwas niemals aufbürden. Er würde dafür sorgen, dass er ihr das nicht aufbürdete.
    Er blickt zu den leeren Wohnwagen hinunter. Und was wird Ireton denken, überlegt Jack flüchtig, wenn er das hier erfährt? Und er erfährt es bestimmt. Was denkt er dann? Herr im Himmel, wird er denken, erst gestern war ich mit ihm zusammen, ich habe neben ihm gestanden. Und was wird Ireton denken, wenn (was Jack jetzt nicht mehr für wahrscheinlich hält) ein Polizeiwagen mit bewaffneten Polizisten beteiligt ist?
    Hat Ellie das wirklich tun können   – es sagen können? An einem Samstagmorgen, an diesem hässlichen nassen Morgen, in einer Polizeiwache? Und womöglich noch hinzugefügt: »Vielleicht sollte ich das noch sagen   – im Haus ist ein Gewehr. Er hat ein Gewehr?«
    Jack hält es nicht für sehr wahrscheinlich, dennoch, er ist vorbereitet. Eine ganze Schachtel Patronen, einige davon in seiner Hosentasche. Jedenfalls hält er es für wahrscheinlich, dass Ellie das Gewehr eingefallen ist.
     
    Der Regen hört auf gegen die Scheibe zu trommeln. Es ist nur eine kleine Unterbrechung, ein Riss in den dunklen Wolken, durch den hellere dahinter sichtbar werden, und Holn Head taucht plötzlich vollständig aus dem Dunst auf, und die Wohnwagen blinken, als würde die Sonne auf sie scheinen.
    Können Wohnwagen Dinge
wissen
? Können sie fühlen, haben sie Ahnungen? Ein dummer Gedanke, wie die Frage, ob Tote Dinge wissen können (und jetzt versucht Jack intensiv, nicht an seine Mutter zu denken). Wissen Wohnwagen, wann sich ein Tod ereignen wird?
    Auf der Jebb Farm gab es immer reichlich Gelegenheit, über solche Dinge nachzudenken   –

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